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Liberales Judentum · 1915-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1915) · p. Seite 84

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 Güa SrLigmann: Usr hundert Jahren und heute o o 0 O Vor hundert Jahren und heute. Von €lla Seligmann-frankfurt a. M. vr mir liegt ein Buch*), ebenso belehrend für den kulturhistorisch Interessierten, wie reizvoll für denjenigen, der sich gern einsxinnen läßt in den stimmungsvollen Zauber der „alt-berliner Zeit." Der Verfasser versteht es aus einer reichen Fülle von Briefen und Tagebuchblättern, aus vielfach ungedrucktem Material, ein psychologisch-feines, anschauliches Bild des Berliner Gesellschaftslebens jener Tage zu geben, dessen Radien in dem berühmten Salon der Henriette Herz zusammenlaufen. Im Briefwechsel mit Börne, Humboldt, Schleiermacher lernen wir die Seele dieser geistvollen und anmutigen Frau kennen. Im ersten Teil dieses Buches gleiten .kaleidoskopartig die geistigen Größen, die um die Wende des 18. Jahrhunderts in Berlin auftauchten oder dort dauernd lebten, an uns vorüber, immer in Beziehung zu dem auserlesenen Kreis jüdischer Frauen, die wir in den Salons der Henriette Herz, der Rahe!l und anderer mehr, finden. Beinah zu groß Und verwirrend fast ist die Fülle der Gesichte, die sich vor uns auftut. .... Ls geht mir heute eigentümlich bei der Lektüre jedes Buches, das mich überhaupt fesseln kann. Die rein objektive Betrachtung fehlt, und ich bringe alles in Beziehung zu dem unerhörten Lrlebnis unserer Tage. Aber ich glaube, so wie mir, geht es fash allen, denen es überhaupt möglich ist, ihren Geist durch Lesen für kurze Zeit abzulenken von den Geschehnissen da draußen. Im Unterbewußtsein bleibt uns immer der eine schreckensvolle Gedanke, „es ist Krieg", und *) Henriette Herz, Ihr Leben und ihre Zeit. Herausgegeben von Hans Landsberg. Weimar 1913. Gustav Kiepenheuer Verlag. VII und 487 S. 8°. Mk. 6.— in Halbperg., Mk. 10.— in Ganzleder. — Mt 8 Porträts in Lichtdruck. alles, was uns sonst gefesselt und erhoben, es ist untergegangen in dem einen furchtbaren wort. Der Krieg lastet so allgewaltig auf unserm Empfinden und Bewußtsein, daß wir vieles erst jetzt mit sehendem Auge erblicken und gegen anderes blind und unempfänglich sind. wenn wir die Bibel, die Psalmen heute lesen werden wir anders als sonst ergriffen, durch die gleichen Gefühle, gleichen Gedanken, die die frommen j)salmsänger und begeisterten Propheten bese-elt haben, wie heute uns. Jetzt erst vermeinen wir sie ganz zu verstehen in ihrem demütigen Flehen zu Gott, in ihren wilden, himmelstürmenden Klagen. So fand ich auch in dem vorliegenden Buche packende Beziehungen, sowohl zu den allgemeinen Fragen unserer schicksalsschweren Zeit als auch im besonderen zu den Problemen, die das Judentum unserer Tage beiwegen. — — Man schrieb das Jahr 1806. Die Schlacht bei Jena und Auerftädt war geschlagen. Die Kriegsnot lastete mit eisernes Schwere auf Deutschland. Die führenden, großen Geister Deutschlands verzweifelten fast an seinem Bestand. Damals schrieb der berühmte Theologe Friedrich Schleiermacher an seinen Freund Ehrenfried von Willich**): . . Sehe ich weiter in's Große, so bin ich wieder ruhig. Die Verfassung von Deutschland war ein unhaltbares Ding; in der preußischen Monarchie war auch viel zusammengeflicktes, unhaltbares Wesen; das ist verschwunden; ob und wie der Kern sich retten wird, das muß erst über seine Güte ent- **) Briefe Schleiermachers: Henr. Herz und ihre Zeit, S. 386.

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