Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Kalzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch Y. 88 die Schätzung und Liebe aller, die ihn kannten, erworben habe. Dann wurden Kränze niedergelegt, und jeder trat heran, die drei Schaufeln Lrde auf den Sarg zu werfen. Me oft mögen diese kampferprobten Männer schon am offenen Grabe eines Kameraden gestanden haben! härter 'sind sie gewiß geworden, aber nicht stumpf. — Das zeigt die liebevolle Sorgfalt, mit der sie diese Soldatenfriedhöfe anlegen und einfriedigen, jeden Hügel bepflanzen und manchen mit eine!m Holz- oder Steindenkmal von erstaunlich künstlerischem Geschmack zieren. Mo es in meiner Macht liegt, sorge ich dafür, daß das Grab eines Glaubensbruders statt mit dem üblichen Birkenkreuz mit einer Denktafel versehen wird. Mrd mir ein bestimmtes jüdisches Kriegergrab bezeichnet, so versäume ich natürlich nicht es aufzusuchen und ein stilles Gebet davor zu verrichten. Oft sind es „Massengräber", in denen der Gesuchte ruht. Das Wort mag für die daheim einen schaurigen Klang haben. Mit Unrecht. Auch die Massengräber werden pietätvoll gepflegt. Ich meine, die Litern und Gattinen, die sähen, wie man hier ihre Toten ehrt, würden nicht mehr verlangen, daß man sie in ihrer Ruhe störe und ausgrabe, um sie nach der Heimat zu überführen, so begreiflich der Wunsch auch ist, das Teuerste, was uns das Leben nahm, in unserer Nähe gebettet zu wissen. Mühselig und fast stets ergebnislos sind die Nachforschungen nach Vermißten im Felde selbst. Stunden und Tage habe ich auf den Friedhöfen und Schlachtfeldern schon gesucht, ob es sich um Mannschaften oder Offiziere, Juden oder Thristen, Franzosen oder Deutsche handelte — wie gern gibt man dem in bangen Zweifeln sich verzehrenden selbst die schmerzlichste Gewißheit! Aber da die Unglücklichen meist schon seit dem Ls erb sie vorigen Jahres vermißt werden, so könnte nur ein außergewöhnlicher Zufall entdecken, was die gewissenhaften Erkundigungen der Behörden nicht ermitteln konnten. — Gelegentlich war ich auch in einem russischen Gefangenenlager. Der Lagerarzt hatte mir gesprächsweise von einem intelligenten Russen erzählt, der infolge seiner deutschen Sprachkenntnisse zum Dolmetscher „ernannt" war. „Lin Jude?" fragte ich. „Jawohl, der einzige russische Jude." Ich ließ mich durch die lange luftige Baracke führen, wo die stämmigen blonden Söhne aus „Väterchens" Reich mit ihrem stumpfen breiten Gesicht an einem langen Tische saßen, mit dem Schnitzen seltsam exotischer Vögel beschäftigt. Sie arbeiten nicht wenig, aber sie essen noch mehr; soviel Brot man ihnen auch über ihre Ration hinaus zufteckt, sie sind nicht satt zu bekommen. „Wildmann!" ruft der Arzt und räumt uns, als der Gerufene sich meldet, sein Zimmer ein. W., stämmig und blond, wie seine Landsleute, aber von ungleich intelligenterem Gesichtsausdruck, erzählt auf mein Befragen, in nicht ganz einwandfreiem Deutsch, seine kurze Kriegs- und Leidensgeschichte. „Und wie geht's Ihnen jetzt?" „Ibberrgutt" versetzte er strahlend. Als ich ihn schließlich fragte, ob er noch besondere Wünsche habe, wußte er nur einen zu nennen: er wünschte sich einen jüdischen Kalender, damit er wisse, wann die hohen Feiertage seien. Wenn sich doch alle Wünsche unserer Brüder im Osten so leicht erfüllen ließen! 2lber alle diese Besuche können, wie gesagt, nur nebenher gemacht werden. Das Hauptziel der Armeereiso bleibt die Abhaltring der Feldgottesdienste.