Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ar. SaHbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch Y. o o o o edelstem Safte getränkt, der rote Mohn. Schlanke jDferde sah man in Würden grasen, und ein kleiner Franzosenjunge trieb wohlgenährte deutsche Rühe mit dem Stecken auf die weide. Ueber die Aecker zog der Landsturmmarrn, der hier zum Landmann wurde, den f)flug und streute, als hätte er's von Jugend an getan, mit weit ausholender sicherer Hand in die Furchen den Samen. Wie mancher mag dabei in Sorgen und Sehnen der Heimat gedacht haben; wer weißob er ernten wird, was er gesät? Und nun naht die Erntezeit, keine fröhliche, aber doch eine stillgesegnete. Schon ist das üppige Gras auf den Wiesen gemäht, zu Bergen vonHeu geschichtet, auf Wagen geladen und nach der Heimat geschafft. Wer dieses friedliche Arbeiten auf den sonnigen Wiesen gesehen hat, dahinter die Berge mit ihren dunklen Tannenwäldern, der konnte meinen, selber daheim zu sein. Auch die Fahrstraßen gewinnen ein verjüngtes Gesicht. Der ungewöhnlich große Verkehr hatte im Bund mit anhaltendem Regen sie durch zahllose Löcher entstellt. Nun werden sie von gefangenen Russen, gelegentlich sogar Franzosen unter Aufsicht bajonettbewehrter Kosten mit grobem Ries belegt, gegossen und mit der Dampfwalze geglättet, die weit zuverlässiger als die vielgenannte russische arbeitet. Diese wirtschaftliche Ordnung läßt uns die Größe der militärischen Organisation, von der sie doch nur einen Ausschnitt darstellt, bewundernd ahnen! Die Feldgottesdienste der Gesamtorganisation einzuordnen ist für den jüdischen Feldgeistlichen nicht leicht. Ohne auf die Erfahrungen etwaiger Vorgänger sich stützen zu können, ohne ein Fuhrwerk zu besitzen, das ihn jederzeit rasch zu dem gewünschten Ziel brächte, muß er allein und selbständig seine Tätigkeit innerhalb einer weitgedehnten Armee disponieren, immer gefaßt, seine Dispositionen wieder abzuändern, sobald die inilitärischen Interessen es fordern. Nebenher läuft der Besuch der Rriegs- und Feldlazarette, der Soldatenfriedhöfe, der Gefangenenlager, die Nachforschungen nach Vermißten und — die große Rorrespondenz, die mit allen diesen Liebesdiensten verknüpft ist. Aber der gute Wille und die Uebung überwinden schließlich alle Schwierigkeiten, und das Bewußtsein erfüllter Pflicht und die rührende Dankbarkeit der Rameraden.selbst wie ihrer Angehörigen sind der schönste Lohn. Wenn ich über den Wagen, den ich benutze, selbst verfüge, lasse ich ihn vor jedem Lazarett, an dem wir vorbeikommen, halten und frage im Geschäftszimmer nach jüdischen Rranken oder verwundeten. Ist einer eingeliefert — was sich aus dem Hauptbuch leicht Nachweisen läßt, — so suche ich ihn auf, plaudere mit ihm, gebe ihm zu lesen, nehme seine Wünsche entgegen und schreibe 'über sein Befinden an seine Lieben. Findet sich keiner, so geht die Fahrt sogleich weiter; für einen Besuch von Bett zu Bett, wie ich ihn als „Divisionspfarrer" ehedem täglich machen konnte, reicht leider.die Zeit nicht. Bei dringenden Fällen werde ich telephonisch benachrichtigt und von jedem Todesfall sogleich in Renntnis gesetzt. Beerdigungen gefallener Rameraden finden zumeist im Bereich des feindlichen Feuers statt. Tief hat sich mir die Beisetzung eines jungen jüdischen Bledizinstudierenden ins Gedächtnis geprägt. Er war eine Zeitlang als Sanitäter bei einem Feldlazarett tätig gewesen, aber fein Tatendrang ließ ihm keine Ruhe, bis er sich als Infanterist zur Front gemeldet hatte. Hier wurde er ein Opfer seines tollkühnen Blutes. Einige hundert Schritt hinter dem Schützengraben, vor dem er gefallen war, wurde er auf dem Soldatenfriedhof beigesetzt. Ich hielt ihm im Beisein der Rameraden, die er geführt hatte, und mehrerer Offiziere die Grabrede. Nack mir sprach ein Leutnant und rühmte die seltenen, militärischen und menschlichen Tugenden, durch die der jäh Abgerufene sich