Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126538-3126543--1972-3128806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pr. Salzdrrgrr: Aus meinem Kriegstagebuch Y. 81 Aus meinem Kriegstagebuch. von Rabbiner Dr. Salzberger-Sxankfurt o. III. V. Auf d er Reise durch die Armee. as man für gewöhnlich heute unter Reisen versteht: einen Fahrschein lösen, den fahrplanmäßigen Zug besteigen und sich von ihm nach dem gewünschten Ziele tragen lassen, das gibt es in den okkupierten Gebieten nur in der .Etappe. Im Operationsgebiet sind die Verkehrsmöglichkeiten mannigfaltiger zwar, aber minder bequem. Bald muß man sich als lebendige Mare in einen Güterwagen verladen lassen, bald rollt man auf der luftigen Lowre einer Feldbahn dahin. Mo keine Schienen laufen, muß e's ein leichtes Dogcart oder ein behäbiger ausgedienter Landauer tun; und versagen auch die, so geht es auf Schusters Rappen weiter. Glücklich, wer einem barmherzigen Auto begegnet, so es nicht gerade ein Post- oder Lastauto ist, worin er, zwischen Fässern oder Briefsäcken unsanft hin- und .hergeworfen, tieferschüttert seinen Meg zurücklegt. Zn den weichen Polstern eines Personenkraftwagens mit dem Minde um die Mette jagen, als gäbe ps keine Hindernisse mehr in Raum und Zeit, ist natürlich das Ideal einer Reise durch die Armee. Märe er von diesem Ideale nicht zumeist weit entfernt, so könnte man den „Armeerabbiner" um seinen Posten beneiden. Mie wenigen ist es ihm möglich, zum mindesten^ im Stellungskriege, aus eigener Anschauung durch tausend Eindrücke ein Bild von dem Ganzen einer Armee zu gewinnen, ein Gesamtbild zugleich von der friedlichen Ordnung, die sich auf den Stätten kaum verrauschter Kämpfe hinter der Front allenthalben erhebt. Durch zahllose Dörfer und Städtchen führt meine Straße. Greise Männer humpeln am Stock vorüber. Frauen und Mädchen sitzen über einer Handarbeit schwatzend au den Fenstern, vor den Türen, oder waschen Soldatenwäsche in langen überdachten Brunnenhäusern, Kinder singen, vielleicht ein aufgefangenes deutsches Lied, oder machen gleich den Posten vor dem durcheilenden Magen Front, preußisch stramm die Hand an die Schläfe. In einem anderen Dorfe ist alles Leben erstorben. Die Häuser, auch die Kirche und die Schule sind Trümmerhaufen, über die lautlos Katzen schleichen, nach Mäusen zu jagen. Vor einer ehemaligen Mauer steht ein Spalierobstbaum und breitet seine dürren Aeste aus: sie tasten ins Leere. Aber vor den Häusern ist der Schutt entfernt und der Unrat, der in Frankreich schon im Frieden dort zu finden war. Mieder in einem anderen Flecken sind zwar keine Einwohner zu sehen; aber statt ihrer haben unsere Feldgrauen sich häuslich darin eingerichtet und die Oede mit Humor in Mort und Bild verkleidet. „Berliner Tor" steht in großen Lettern auf einer Scheune am Eingang, und eine Tenne hat die neue Bestimmung erhalten „hier werden Franzosendrescher ausgebildet." Guirlanden schlingen sich über die Straße, ein Vorgärtchen mit Laube ist neben der und jener Haustür angelegt, und hinter dem Hause wird ein sauber gepflegter Gemüsegarten sichtbar. Daß Ordnung und Sauberkeit nicht allein für den oberflächlichen Blick da ist, sondern bis auf die Haut geht, dafür bürgen die in keinem Unterkunftsort fehlenden Militärbadeanstalten. Zwischen Dorf und Dorf breiten sich links und rechts der Landstraße weite Miesen und Felder, vielleicht gedüngt mit Menschenblut. Einsam steht ein Kreuz von Holz am Rain. Im Herbst und über den Minier lag hier rings alles wie ein Riesengrab. Aber im Frühling prangten die Tviesen in frischem Grün, und dazwischen leuchtete, wie von