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Liberales Judentum · 1915-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1915) · p. Seite 80

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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80 o o o o Ar. Csblen;: Krieg und Religion barmungslose bsärte die Menschen heimsucht, und niemand ist imstande, das Leid zu hemmen. Da streckt der Zweifel seine furchtbaren Krallen nach uns aus: wo ist der Gott, der ein solches Unglück wollen kann? Zeigt uns das göttliche Wesen, aus dessen Natur heraus wir das verstehen könnten! Wie eine schwere Anklage steigt's aus Millionen Menschenherzen empor: wir glauben nicht mehr an sein gütiges Walten. Und doch: es ist ein Gott, der große, gewaltige Gott, vor dem ich mich ehrfurchtsvoll beuge. Zch sehe ihn im Wetter der Schlacht; ich höre ihn aus dem Donner der Geschütze. Gr lebt, er ist da; wir spüren den ^auch seines Gdems. Freilich kein Gott, wie die naive Gläubigkeit ihn sich vorstellt! Kein Gott, wie er aus den längst vew klungenen Tagen der Kindheit in unser Leben hineinleuchtet, den Guten immer helfend und die Bösen immer strafend! So hatten wir es ja wohl in unserer Zugend gelernt. Millionen werden darin umlernen müssen. Der Gott, der auch aus den Stürmen des Krieges zu uns spricht, ist ein Gott des Lebens, der nüchternen, schaffenden Wirklichkeit. Wir begreifen ihn nur im Leben selbst. Die Summe des ewigen Schaffens in Natur und Geisteswelt ist für uns jbte einzige Offenbarung seines Wesens, ein gewaltiger Strom, der von Ewigkeit her durch die Jahrtausende flutet und sich doch an jedem Tage wieder neu bildet und verjüngt. So erleben wir Gott als den ewig Seienden und zugleich als den ewig Werdenden. Gr ist immer derselbe, ob er sich uns im lachenden Sonnenschein offenbart oder im zerstörenden Unwetter, im Keimen der Pflanze oder im Sterben bes Baumes, im Aufstieg der Völker oder im Niedergang der Nationen, in der Freude des Glückes oder im Schmerz des Leides. Von Ewigkeit her spricht er aus allem Geschehen in .der Welt zu den Geschlechtern der Menschen, und in jedem Erlebnis, das er uns schickt, liegt für uns eine Aufgabe. Fragt doch nicht: warum ist der Krieg ins Land gekommen? Grübelt doch nicht: wie durfte die Gottheit das geschehen lassen? Zhr müßt die Frage anders fassen, müßt eurem Denken eine andere Richtung geben: vor welche neue Aufgabe sind wir von Gott durch den Krieg gestellt worden? Mit furchtbarem Ernst greifen die Ereignisse der Gegenwart in unser Schicksal hinein als ein lebendiges Stück des schaffenden Lebens der Zeit. Auch aus dem Krieg spricht Gott zu uns wie aus allen Schicksalsschlägen, die uns heimsuchen. Auch der Krieg ist nach Gottes Willen für uns zum Schicksal geworden, an dem wir unsere sittliche Kraft erproben sollen, j Sieh zu, daß du die j)robe bestehst! Und wenn du vielleicht auch niemals begreife^ jwiirst, warum es gerade so hat geschehen müssen, erkenne du nur die Aufgabe, die du im Krieg zu erfüllen hast! Laß du dich nur durch den Krieg erziehen" zur stillen Selbstverleugnung und zur helfenden Liebe! Laß du nur an ihm deine Seele wachsen, damit sie Kraft gewinne für die ernsten Aufgaben des Lebens! Laß du nur an ihm deinen Willen stark werden, damit er deinen inneren Menschen läutere und dich opferfähiger mache im Dienste des Ganzen! Wenn der Krieg so auf dich wirkt, dann ist er bei allem Leid, das er dir bringt, doch auch ein Segensquell für dich geworden, ein Stück lebendig schaffendes Leben der Zeit in deinem eigenen Leben. Gr hat religionsbildende Kraft für dich gewonnen. Aus ihm spricht Gott zu dir, und du hast begriffen,, was er von dir fordert.

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