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Liberales Judentum · 1915-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1915) · p. Seite 78

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Ar. Gelles: Kat sich der Jugendgottesdirnst bewährt? o o o o der Schüler, der an jedem Sabbat den Iugendgottesdienst besucht, kann aus ihm nicht im geringsten lernen, wie er einem Gottesdienst am Freitag Abend, an den Feiertagen, vor allen Dingen aber am Werktag folgen soll. Und die Kenntnis gerade des werktäglichen Gottesdienstes erscheint mir am notwendigsten, damit all die Schüler, die in die traurige Lage kommen, ihren Vater oder ihre Mutter zu verlieren und ihnen das Kaddischgebet nachzusagen, imstande sind, im Trauerjahr den Gottesdienst zu besuchen, ohne sich durch die Langweile aus ihm vertreiben zu lassen, die m der Unkenntnis der Gebete und ihrer Reihenfolge wurzelt. Aber selbst diejenigen, die den Iugendgottesdienst als Selbstzweck ansehen, müssen doch nachdenklich werden, wenn man ihnen folgende Tatsache vor Augen hält: Die Kinder beten nicht. Die 6-, 7- und 8jährigen können noch nicht beten, und die älteren wollen nicht so recht. Und niemand kann sie dazu zwingen, während meiner Studienzeit war ich Religionslehrer an der Religionsunterrichtsanstalt I der Synagogen-Gemeinde Breslau, die an jedem Sabbat einen Iugendgottesdienst veranstaltet. Ich kann mir keine Religionsschule und keinen Iugendgottesdienst denken, die schöner wären als in Breslau, wir waren ca. 15 Lehrer und standen wäh^- rend des Iugendgottesdienstes unter den Schülern, um sihnen zu zeigen, was gebetet wird. Und jeden Sabbat machten wir trotz Grgel, trotz schönem Gesang und erbauender predigt die gleiche Erfahrung,, die Kinder kamen, weil sie von uns dazu angehalten wurden, aber gebetet haben nur die wenigsten. In den Klein- und Mittelgemeinden, wo der Rabbiner keine Hilfskräfte zur Seite hat, ist es nicht anders, während er aber hier durch seine Autorität die Schüler und Schülerinnen aller Klassen zum Besuch des Iugendgottesdienstes veranlassen kann, sah ich in der Großstadt selten Sekundaner, niemals Primaner. Der Besuch der Sekundaner und Primaner aber erhöht die technische Schwierigkeit des Iugendgottesdienstes, die in deb Forderung der predigt liegt, wie kann eine predigt gleichzeitig einem 6jährigen Schüler und einem 19jährigen Oberprimaner etwas bieten? Das ist einfach ein Unding! Um solches fertig zu bekommen, muß man entweder an einer großen Selbsttäuschung leiden oder ein Kunstreiter über Kanzelhindernisse" sein. Gin Wirklicher Prediger löst nur die halbe Aufgabe. Entweder gibt er etwas den Schülern der höheren Klassen oder den ganz kleinen Kindern. wie erreichen wir also den Zweck, an den bei Einführung des modernen Iugendgottesdienstes gedacht war? Wie bringen wir die Kinder so weit, daß sie allen Gottesdiensten mit Verständnis folgen können? Man antworte nicht, dazu fei der Religionsunterricht da. wer die geringe Anzahl der Religionsstunden und den großen Umfang des Pensums kennt, kann unmöglich vom Rabbiner verlangen, daß er die wenigen Stunden mit dem Unterricht der Gebete und ihrer Verwendung im Gottesdienst ausfülle, woher soll er dann die Zeit nehmen, um die Schüler mit der jüdischen Geschichte, mit der Glaubenslehre, mit den Grundlagen der hebräischen Grammatik und mit den wichtigsten Abschnitten der heiligen Schrift im Urtext bekannt zu machen? weiß doch außerdem ein jeder, daß der Unterricht gerade in den gottesdienstlichen Gebeten eine Zeitverschwendung ist, wenn er nicht durch den Besuch des Gotteshauses unterstützt und gefördert wird, wie ermöglichen wir es also, daß die Kinder, die nur im Unterricht und nicht auch im Elternhaus mit den gottesdienstlichen Gebeten vertraut gemacht werden, dennoch einem jeden Gottesdienst folgen können? Der Vorschlag, den ich mache, wird nur in Mittel- und Kleingemeinden durchgeführt

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