Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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o 0 Ar. Gelles: Kat sich der Jugendgsttesdrenst bewährt? 77 Hat fidi der Jugendgottesdienft beroährt? Von Rabbiner Dr. Gelles-Hitta, Kgl. Schulinfpektor. u der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das religiöse Leben der deutschen Zuden in neue Bahnen gelenkt worden. Der strenge Konservativismus, das starre Festhalten am Ueberlieferten, das die Zudenheit und mit ihr das Judentum durch alle Stürme der Zeiten sicher hindurch geführt hatte, begann sich in Einseitigkeit umizuwandeln gerade auf einem Gebiet, das am allerwenigsten den Stillstand verträgt, auf dem des Gottesdienstes. Wiewohl ein Blick in das Gebetbuch jedem, der darin zu lesen verstand, sofort zeigte, zu welch' verschiedenen Zeiten und unter welch' veränderten Umständen die meisten Gebete entstanden waren, duldete man doch nicht oder erst nach vielen heißen Kämpfen Reformen im Gebetbuch, die notwendig wurden, als der Gottesdienst selbst ein neues Gewand anlegte. Nur in einem Punkte herrschte innerhalb der deutschen Zudenheit glückliche Harmonie, in der Erkenntnis, daß die Zugend dem Gottesdienst nicht entfremdet werden dürfe. Die Gefahr der Entfremdung war nämlich in greifbare Nähe gerückt, als mit dem Besuch der höheren Schulen den jüdischen Kindern die Möglichkeit genommen war, am Sabbat Vormittag die Synagoge aufzusuchen. Zn den meisten 'Gemeinden Ostdeutschlands griffen die Schüler zur Selbsthilfe. Damals dauerte der Vormittagsunterricht nur bis 12 Uhr, weil auch am Nachmittag unterrichtet wurde. So gingen wir Gymnasiasten — ich nenne ein Beispiel aus meiner Heimatstadt Krotoschin — am Sonnabend um 12 Uhr mit den Büchern vom Gymnasium direkt nach dem Beth^-Hamidrasch, und dort fand ein regelrechter Mussafgottesdienst statt. Ein Mitschüler versah das Amt des Vorbeters, ein anderer las aus der Thora vor usw. Bis zum Zahre 1901 hielt sich dieser Gymnasiasten- Gottesdienst; dann ging er ein, weil das religiöse Bedürfnis und Verständnis unter den Schülern nachließ,!und der damalige Rabbiner kein einziges Rial einer solchen Andacht beiwohnte. Er hätte sich dort durch die Fürsorge des Rabbiners erhalten lassen, wie er in ähnlicher Gestalt noch heute in vielen Gemeinden der Provinz Posen besteht. Schon ejnige Zahre vorher aber war ein Zugendgottesdienst in moderner Gestalt, der am Nachmittag eines jeden vierten Sabbats stattfand, eingeführt worden. Dieser Nachmittag- Zugendgottesdienst, der zum Znhalt das Minchahgebet und die predigt hatte, ist der gleiche gewesen, der heute zu den regelmäßigen, gottesdienstlichen Einrichtungen fast einer jeden Gemeinde gehört. Mb sich nun dieser Gottesdienst bewährt hat, wollen wir jetzt untersuchen. welchem Zweck dient der Zugendgottesdienst? Es wäre eine falsche Auffassung, wollten wir antworten, er fei Selbstzweck und wolle die Schüler ein Mal im Monat — in den meisten Gemeinden findet er nur ein Mal im Monat statt — irrt Gotteshaus versammeln, um ihnen Gelegenheit zu geben, zu beten und eine predigt zu hören. Die Veranlassung, die der Einführung des Zugendgottesdienstes zu gründe liegt, beweist, daß der Kindexgottesdienst nur als Mittel zum Zweck gedacht war: er sollte die Kinder anleiten, am -Gottesdienst der Erwachsenen später mit Verständnis teilnehmen zu können und sollte ihnen den Gottesdienst ersetzen, dem sie infolge des Schulbesuches fern bleiben mußten. welchen Gottesdienst ersetzt nun der Zugendgottesdienst? Der Znhalt der Gebete zeigt, daß er nur an die Stelle des Minchahgottesdienstes vom Sabbat tritt. Keinen anderen ersetzt er sonst. Selbst