Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Ar. Ziegler: Jahwe, der Gott des Zornes und der Koche geistige Menschheit ihr Gepräge erhielt. Ueberwunden war Jahwe, der Nomadengott des alten Israel mit seinem Zorne und seiner Rache, für minderwertig erklärt und geringgeschätzt, Zielscheibe des Spottes und des Lohnes in Schriften und Vorträgen. Und heute, welche Wandlung! Die flehenden Gände werden emporgehoben zum Gott des Zornes und des Eifers, Lieder und Gesänge werden angestimmt zu Ehren Gottes, der Rache nehmen wird für uns an den Heuchlern und Neidern, an den Wortbrüchigen und Treulosen, an den Rohen und Entmenschten. So lasset mich zum Abschied einige Worte über diesen alten Gott Jahwe zu euch sprechen, daß jhr ihn verstehet, und er mit euch sei im Donner der Geschütze, in Not und Gefahr. * * * Die Menschen sprechen gar viel und gar oft über Religion, ohne daß sie sich immer darüber klar wären, was Religion eigentlich will. Wozu ist sie da, welchen Zweck hat sie? Ich antworte: Di e R e li g i o n w i l l ni ch ts anderes als dem in e n s ch l i s ch e n Leben einen Sinn geben. Gb das menschliche Leben überhaupt einen Sinn habe, ist ja von Denkern und Laien oft gefragt und erörtert, ebenso oft verneint oder bejaht worden. Wir wollen in dieser kurzen Stunde diese Wunde der Menschheit nicht berühren. Eines aber ist mir sicher: hat das menschliche Leben einen Sinn, so nur dann, wenn es ein Korn ist, gestreut auf den fruchtbaren Böden jedes kommenden Geschlechts, bestimmt, für dieses gesegnete Früchte zu tragen. Lin solches Rorn, eine solche Saat wird jedoch jedes menschliche Leben nur durch Veredelung. Indem ihr dem Wohlwollen, dem Edelsinn, der Nächstenliebe, der Verträglichkeit und Gerechtigkeit, dem Gemeinsinn und dem Pflichtgefühl, der Heimats- und Hreiheitsliebe, der Versöhnlichkeit und Eintracht 'mehr Platz einräuint in euerem Denken und handeln, als etwa dein Hasse, dem Neide, der Tücke und Gewalt, wird euer Leben veredelt und hat so erst einen Teil der Ewigkeit an sich. Sonach ist die Veredelung der Sinn jedes inenschlichen Lebens. Nun ist aber Religion im Wesen nichts anderes als Veredelung. Daher hat die Religion nur das eine Ziel, jedem menschlichen Leben durch Veredelung einen Sinn zu geben. Ihr habet mich wohl verstanden? -i- * * Dieses Ziel, dem menschlichen Leben durch die Veredelung einen Sinn zu geben, kann die Religion nur dann erreichen, wenn sie im Stande ist, auf das menschliche Leben einen tiefen, nachhaltigen, mächtigen und dauernden Einfluß auszuüben. Denn vergesset nicht, unser Leben wird nicht vom Edelsinn, sondern von der Ichsucht, von der Gemeinheit beherrscht: „Ueber das Niederträchtige Niemand sich beklage; Denn es ist das Mächtige, Was man Dir auch sage." Goethe. Die Macht der gemeinen Ichsucht in unserem Dasein zu brechen, ja selbst nur umzubiegen, dazu gehört ein geradezu ungeheuerer Einfluß auf das Leben. Sonach hat die Religion nur ein Streben: auf das Leben zu wirken, das Leben zu beeinflussen, nicht oberflächlich, sondern tief und einschneidend. Jedoch auf das Leben kann nur das Lebe n wirken, nur das Leben kann das Lebe n beeinflussen. Was nie gelebt, hat dem Leben nichts zu sagen; auch der Tote wirkt nur, solange sein Leben in uns weiter lebt. Wenn daher die Religion auf das Leben wirken will, muß sie selbst Leben sein, Leben atmen. Das heißt: bei allem Hochflug ihrer Ideale soll sie sich nie außerhalb des Menschtums bewegen. Das Menschtunr aber, das