Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Ir. Felir Frrudenthal: Krregsbetrachtungen 0 O O O bei uns der Fall ist. Weit entfernt von unangebrachter Weichheit, müssen wir doch mit Bitterkeit zugeben, wie es gerade der Fluch eines derartigen Gigantenkampfes ist, daß viele Gerechte mit den Ungerechten leiden, junge, tatkräftige, berufsfreudige Männer, die Hoffnung und Blüte der Völker, früh ins Grab sinken, während den Anstiftern und Drahtziehern, wenigstens auf dieser Welt, kein Haar gekrümmt wird. Immer von neuem fragen wir uns, wird denn je eine Zeit kommen, in der internationale Streitigkeiten nicht durch Granaten und Bajonette, sondern durch Schiedssprüche und Vergleiche erledigt werden? Fromme Wünsche, unerfüllbare Utopien! Solange es Volksleidenschaften, Massensuggestionen und endemischen Nationalitätenhader geben wird, solange wird der Haager Friedenspalast ein wenig wertvolles Gebäude bleiben, gleichegültig, ob Monarchen oder Präsidenten die Leitung der Staaten anvertraut ist. Auch Mord und Totschlag sowie alle sonstigen in den Strafgesetzbüchern aufgezählten verbrechen würden wir alle gerne abschaffen, aber noch kein Sterblicher hat das.j)anacee entdeckt, welches zu wirklich paradiesischen 'Zuständen führen könnte. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Krieg. Einige praktische Schutzmittel mögen ja vorhanden sein, doch die Krankheit, der morbus bellicosus, bricht nach kürzerer oder längerer Zeit stets von neuem aus, weil heißblütige Patienten die ausgestandenen Leiden nur allzu rasch vergessen. Eines der wirksamsten Beruhigungsmittel bleibt immernoch Bildung und Unterricht, weil die Wissenschaft, soweit sie nicht zu nationalen Verhetzungen mißbraucht wird, den weitesten Kreisen über die Segnungen des Friedens und das Unheil des Krieges die Augen zu öffnen vermag, zumal wo auf das Moralische und Menschenvereinende mehr Wert gelegt wird, als auf das Konfessionelle und Trennende. Ob konfessionelle Unterweisung dasselbe Resultat herbeiführt, dürfte schon zweifelhafter sein. Lehrt uns doch die Geschichte, welche fürchterlichen Schandtaten im Namen Gottes verübt worden sind, und wie religiöser Fanatismus, bei aller äußerlichen Frömmelei, sich nie zurückhalten ließ, durch schmähliche Angriffskriege ganze Länder zu vernichten und ihre Bewohner auszurotten. Als weiteres „Heilserum" dürfte eine radikale Umgestaltung der europäisch-amerikanischen Presse wünschenswert sein, gewiß nur ein frommer Wunsch, doch für den Diagnostiker von erheblicher Bedeutung. Bekanntlich sind es ja nur zu häufig bestochene, voreingenommene Tagesblätter, die, der urteilslosen Menge ein Evangelium bedeutend und ihr Urteil beeinflussend, Nationen aufeinander hetzen, rohe Leidenschaften aufstächeln und in unverantwortlicher Weise der dauernden Aussöhnung im Wege stehen. Sie verstehen es meisterhaft, selbst verständigere Leute an ihrer empfindlichsten Stelle, an der nationalen Ehre, zu packen und durch fortgesetztes Schüren jene Flammen zu entfachen, die dann bald in gefährlichen patriotischen Explosionen das Unheil über die Völker herbeiführen. Würde es zum Segen der Welt gelingen, dieser papierenen Hydra die Giftzähne auszubrechen, wir dürften auf dem Weg der Verständigung ein gut Stück vorwärts gelangen. Andrerseits sollten auswärtige Angelegenheiten nicht allzusehr mit dem Schleier des Geheimnisvollen bedeckt werden, damit die Völker, °die ja schließlich die Kosten für nicht mehr gut zu machende Fehler zu tragen haben, bei Zeiten von herannahenden Gefahren unterrichtet werden und durch ihre Sprachrohre, Parlamente und Versammlungen, Stellung zu den allerbedeutsamsten Tagesfragen nehmen können.