Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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•o o o o Ar. Felis Freudenthal: Kriegsbetrachtungen 65 nötigten Kampf aus dem Wege zu gehen. Jede Meinungsverschiedenheit hörte auf, als es die Ehre der Nation und die Sicherheit unserer Grenzen gebot. Dieser Satz gilt heute wie vor hundert Jahren, als deutsche Feldherren und deutsche Soldaten es waren, die das Joch des Eroberers, unter dem unser Weltteil zusammengebrochen, abschüttelten. Lin Verteidigungskrieg ist immer eine heilige Sache! Um ihn erfolgreich zu führen, bedurfte das deutsche Reich, eingeengt und stetig bedroht von starken mit einander verbündeten Militärmächten, andauernder Rüstung, ununterbrochener Waffenübung, scharfer und stets bereiter Angriffsmittel, wahrlich, indem wir unsere Wehrmacht stärkten und für unser Rüstzeug bis ins kleinste Sorge trugen, haben wir nicht ödem „Militarismus" und uferloser Eroberungssucht gefröhnt, wie dies die Gegner gegen besseres wissen verbreiten und die Urteilslosen, Unwissenden ihnen Nachreden, sondern waren nur von dem einen Gedanken getragen, unser Vaterland zu schützen, unsere Kultur zu erhalten, unser bsaus und unfern Herd gegen anstürmendes Barbarentum zu schirmen. Bei alledem müssen wir als gottesfürchtige Menschen in tiefer Beschämung bekennen, wie wenig die herrschenden Religionen es bisher vermocht haben, den Rassenhaß und den grausamen Völkermord zu nerhindern. weder Kreuz noch Halbmond, weder Bibel noch Koran waren imstande, die Nationen mit einander zu versöhnen, ihre Interessen auszugleichen und den stets gepriesenen aber nie befolgten Wunsch „Die Waffen nieder" in die Wirklichkeit zu übertragen. Im Gegenteil: Gott wird ja sofort von jeder kriegführenden Partei angerufen, Kirchen und Bethäuser werden geöffnet, um den Himmel als Verbündeten zu gewinnen, und je mehr Menschenleben vernichtet werden, um so dankbarer ist der Sieger dem Allmächtigen, dessen Gnade diese Entscheidung herbeigeführt hat. In der Tat, etwas Schauriges und kaum Erklärliches liegt in unserer Natur. So sittlich hochstehend und human sich die Völker auch dünken, eine plötzliche Umwertung aller ethischen, sittlich-religiösen Begriffe setzt ein, wenn die Kanonen zu donnern beginnen. Gerade so wie die Gefühle der Brüderlichkeit, der Nächstenliebe, der Eingebung des Einen für Alle und Aller für Einen in solchen Zeiten bewunderungswürdig in die Erscheinung treten, ebenso zeigt sich (wahrscheinlich den Gedanken der Notwehr und der Selbstverteidigung neben den Affekten des Zornes und des Grimmes entspringend) selbst in den zartesten Gemütern eine wahrhaft diabolische Freude, je mehr Feinde auf den Schlachtfeldern verbluten, verhungern oder verdürsten, oder je mehr feindlicher Städte, Festungen und Schiffe durch unsere Armeen oder durch die Elemente vernichtet werden. Frauen, die in Friedenszeiten übereinen einzigen Totschlag Tränen vergießen und spaltenlange Zeitungsberichte darüber in tiefster Entrüstung lesen, vermögen ihrem Entzücken kaum Worte zu verleihen, wenn die Depeschen von zehntausenden erschlagener Russen und von untergegangenen englischen Matrosen erzählen. Gewiß, wir leugnen keinen Augenblick, daß solche Meldung auch uns mit Befriedigung erfüllt, nicht nur um des Sieges willen, der unserem Vaterland zuteil geworden, sondern auch weil wir darin eine gerechte Strafe für unsere Feinde erblicken. Doch vergessen wir nicht, daß auch unter den feindlichen Kämpfern viele Tausende sich befinden, die den Krieg verabscheuen, die nur gezwungen und eiserner Notwendigkeit gehorchend die Waffen gegen uns tragen, deren Verwundung und Tod Eltern und Geschwister, Ehefrauen und Verlobte nicht weniger tief berührt, als dies