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Liberales Judentum · 1915-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1915) · p. Seite 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 63 (sequence 15)
Language
German
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Ar. Felir Frendentyal: Kriegsketrachiungen 63 in noch weiterem Rahmen gehalten ist. Stundenlang warten sie mitunter, der bittersten Kälte trotzend, im Stiegenhaus auf die Deffnung der Bibliothek, um nur ja rechtzeitig zur Stelle zu sein. Der Andrang zu den Brotverteilungsstellen kann diesen Ansturm nicht übertreffen. Das ist Aul tu r im Gegensatz zur Zivilisation. Zu meiner nicht geringen Reberraschung nehme ich wahr, daß den Flüchtlingen die Forschungen der deutschen protestantischen Theologen keineswegs fremd find, daß sie sich mit lebhaftem Interesse in die Arbeiten derselben über Bibelkritik und jüdische Geschichte vertiefen. Sie beschäftigen sich auch mit profanen Ivissenschaften. Gin 84jähriger Arzt aus jlrzemysl schwelgt täglich in der Lektüre philojsophischer Merke, die er nach einem System entwicklungsgeschichtlich studiert; Kaufleute, die sich in ihren kargen Mußestunden schriftstellerisch betätigt haben, bestürmen mich mit Fragen über die bedeutendsten Erscheinungen der letzten zwei Jahre auf religionsphiloso!- phischem und völkerpsychologischem Gebiete; wieder anderen ist an der Erkenntnis der Faden, die sich zwischen der Kabbala und der deutschen Mystik spinnen, gelegen. Ein Postbeamter aus Tzernowitz sammelt mit Bienenfleiß Materialien zu einem Lexikon berühmter jüdischer Männer und Frauen, von dem bereits einige Lieferungen erschienen sind. Nicht wenige Flüchtlinge wollen es sich, da das Schicksal sie nun einmal nach Wien geführt hat, nicht nehmen lassen, die Geschichte der Juden in Wien oder gar die spezifisch Wienerische Note der Literatur kennen zu lernen. Das Hauptaugenmerk der letzteren ist auf Artur Schnitzler gerichtet. Mit Bewunderung schaue ich zu diesen heimatlosen Greisen, Männern und Iüngjlingen empor, von denen die Goetheschen Worte gelten: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte! Den harten Prüfungen, den unsäglich schweren Heimsuchungen zum Trotze leben und weben sie im Reiche der Ideen, und das macht sie stark. Der Geist überwindet die Materie, und dieser Umstand berechtigt mich, für die vielverläfterten polnischen Kaftanjuden ungeachtet ihrer absonderlichen Aeußerlichkeiren das Epitheton zu reklamieren, das Ibsen in einem Brief an Georg Brandes vom 17. Februar 1871 den Juden verleiht, sie zum „Adel des Menschengeschlechts" zu zählen. Xrieg5betractitungen. 1?on Dr. 7e!ix 7reudenthal-Berlin. eit Jahrzehnten gewöhnt und vielleicht verwöhnt, unser Vaterland als den hochragenden Friedensfels inmitten europäischer Brandungen und internationaler Stürme anzusehen, hat noch vor wenigen Monaten niemand ernstlich daran gedacht, daß plötzlich und unerwartet von vielen Seiten frevelhafte und gottvergessene Eingriffe das nachgiebige, aber waffenstarke deutsche Volk zur Verteidigung seiner höchsten Güter herausfordern könnten. Was Tausende für einen wüsten Traum, für das j?hantasiegebilde hysterischer Schwarzseher gehalten, weil ein derartiges Verbrechen an der menschlichen Kultur nichts als Wahnsinn bedeute, ist leider zu schnell zur grausen Wirklichkeit geworden; unabsehbare Schlachtfelder im Osten und Westen legen Zeugnis dafür ab, wie Deutschlands Söhne ohne Unterschied des Glaubens und der Abftammuna, des Be-

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