Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126538-3126542--1952-3128785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bernhard Münz: Unter den Flüchtlingen o c O 0 «2 Unter den?lüditlingen. Von Bernhard Hlünz-Wien. s gibt einen vortrefflichen, weifen J Spruch, der uns mahnt, nicht auf den Krug zu achten, sondern auf das, was jin ihm enthalten ist. So einleuchtend und selbstverständlich dieser Spruch auch ist, kamen wir doch vor lauter Empfindsamkeit und vielem Aesthetisieren nicht dazu, ihn zu beherzigen und nach ihm zu handeln. Gewaltige, wuchtige Ereignisse erst konnten uns bestimmen, das Sein über den Schein zu stellen. So bin ich durch den Krieg erst in die Lage gekommen, den Wesenswert der galizischen Juden, der Kaftanjuden, zu entdecken und sie zu bewundern. Ein Stück Neuland hat sich mir in ihnen «and durch (sie erschlossen. Als Vorstand einer großen Bücherei habe ich tagtäglich Gelegenheit, ihren überwältigenden Idealismus anzustaunen. Sie sind Märtyrer der aller Beschreibung spottenden bestialischen Kampfesweise des heiligen Rußland, das sich nicht darauf beschränkt, leine Geere mit denen der Feinde zu messen, sondern, eine Geißel Gottes, raubt und plündert, mordet und schändet und sengt und ganz besonders die Juden zum Ziele seiner Blindwütigkeit auserkoren hat. Um ihr und ihrer Familien heften zu retten, haben sie den Wanderstab ergriffen, Haus und Hof, Geschäft und Beruf im Stiche gelassen und, von allen Mitteln entblößt, als Bettler ihren Einzug in die Kaiserstadt an der Donau gehalten. Aber sie haben nicht nur den Verlust von Hab und Gut zu beklagen, sondern im Drange und Wirrsal der Flucht sind ihnen Familienmitglieder abhanden gekommen, Eltern sind von ihren Kindern, Männer von ihren Frauen getrennt worden. Kummer und Sorge, Gram und Verzweiflung, Elend und Entbehrungen aller Art sind die unzertrennlichen Gefährten der Flüchtlinge, sie haben ihnen deutliche Spuren aufgedrückt, sie gebeugt, aber nicht — gebrochen, denn das Judentum ist von jeher eine Religion der Lebensbejahung, der Optimismus ist trotz aller entsetzlichen, unsagbaren Unbilden des Schicksals das unverwüstliche Erbteil seiner Bekenner: „Siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels." Das Gottvertrauen, das die Juden alle anderen Völker der Weltgeschichte überdauern ließ, verläßt sie auch nicht inmitten der Schrecknisse des furchtbaren Weltdramas, das sich vor unseren Augen abspielt; sie hoffen und harren und schöpfen Trost und Erhebung aus ihren heiligen Büchern, ihrem altehrwürdigen Schrifttum. Sie wallfahren zu den Bibliotheken und Lehrhäusern und bilden lebendige Mauern in denselben, daß die Diener Mühe haben, sich hindurchzuwinden und ihnen die erbetenen Bücher zu reichen. Die geräumigen Lesesäle vermögen die Zahl der Besucher nicht zu fassen; allein was ficht sie das an? Können sie nicht sitzen, so stehen sie stundenlang mit den schweren Folianten in den Händen und sie okkupieren auch die Vorräume. Alle Stände und Berufe und Altersklassen sind vertreten. Ergreifend ist es, daß auch rekonvaleszente Soldaten und Offiziere sich unter sie mischen. vergleichen wir diese „unzivilisierten" Juden mit jedem anderen Element im großen Mischmasch des Völkerlebens. Welcher zweite Volksstamm wird in einer Lage, wie sie jetzt das äußere Dasein dieser Juden kennzeichnet, einen solchen Anblick bieten, wie die galizkschen Gäste - unserer Gemeindebibliothek, welche nur von dem einen heißen Wunsch beseelt sind, in dem Aufgehen in geistiger Beschäftigung die Oede des Exils zu vergessen? Wenn man eine Klage von ihnen hört, so ist es die, daß die Bibliothekbenützung nicht