Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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58 Ar. Willy Cohn: Ras Wiederaufleben des religiösen Gedankens feiert, in dem nicht dem Schlachtenlenker gedankt wird, kein Sieg wird erhofft, zu dem nicht Gott als Helfer aufgerufen wird. — Wie eine Weihestunde ist der ganze Krieg, und wenn dem einzelnen auch schweres befchieden ist, er trägt es leicht, wenn er mit seinem Gott einig ist. Nicht kann ich von hier aus übersehen, wie tief der religiöse Gedanke zu lsause ins Volk gedrungen ist, denn fast neun Monate bin ich nun schön draußen, aber das weiß ich, was dem Heere sein Gott bedeutet. — Eine Feierstunde sind für die Soldaten aller Konfessionen die Feldgottesdienste, oft nur ein paar Viertelstunden dauernd, eine Erhebung für hie Seele. — Und das große, gewaltige einige Heer, es geht seinem Bekenntnis nach zu den Gottesdiensten, die seiner Seele am nächsten stehen, und es bringt aus ihnen die Kraft mit zu neuen Taten. Bedeutet dieser Urieg für uns Juden nicht auch in religiöser Beziehung eine Schicksalsstunde? Hat er nicht undenkbares wahr gemacht, hat er nicht veraltetes mit neuem Leben erfüllt? In einer katholischen Kirche vor einem Heiligenbilde finden sich jüdische Soldaten ,zum Gottesdienste zusammen, um nach der Weise der Väter zu beten. Es stört nicht der ungewohnte Nauru, im Gegenteil er hebt die Seele zu ungeahnter Höhe sphärischer Harmonie empor. — Wohl beten wir nicht wie zu krause in stundenlanger, oft ermüdender Andacht, wir beten soldatisch kurz, aber von Herzen. — Mit einem Male ist die in der Literatur so oft behandelte Gebetbuchfrage gelöst. Das kleine, knappe Feldgebetbuch, es sollte auch für die daheim Gebliebenen ein Lehrer sein! Noch nie bin ich so andächtig gewesen wie bei einem Feldgottesdienst. Wir brauchen keine Wiederholungen der Gebete mehr, die die Aufmerksamkeit ermüden, wir wolle?! wohl das Hebräische beibehalten, weil es unseren! Gottesdienst die rechte Stimmung gibt, aber wir wollen es einfassen und verschönern durch das deutsche Gebet, das nach der Stunde gewählt, auch zur Stunde paßt, und das mit den Lauten der Muttersprache zu Kerzen geht; wir wollen ihn pflegen, den Gemeinde-- gesang, den kunstlosen, einfachen und doch so mächtig klingenden und wollen tief hineingreifen in den Schatz des deutschen Volksliedes. — Fort aus den Gebetbüchern mir unkünftlerifchen gereimten Ueberfetzungen, Deutschlands Dichter haben genug schönes geschaffeir, und das jubelnde Bekenntnis deutscher Juden zu Deutschland, es soll auch unseren Gottesdienst immer mehr mit Deutschland verwachsen lassen. Manches andere hat auch die harte Not des Krieges beseitigt. — Die Frage der Nahrung ist für keinen jüdischen Soldaten ein Problem mehr. Der Gottesgedanke liegt nicht in der Schlachrweife des Viehes. Und ob wir zum pessachfeft gesäuertes oder ungesäuertes Brot essen werden, was tut es, wir alle werden in unserm Herzen den Albend begehen, der uns zu dein schönsten Familienfeste geworden ist. Das Bekenntnis zur Familie, dem Grundstock des Gemeindelebens, wird von dem Munde jedes Einzelnen kommen, der gesund aus diesem Kriege heimkehrt. — Wo ist sie hin die Frage, ob man am Sonnabend fahren dürfe oder nicht? Will der jüdische Feldgeistliche an diesem Tage möglichst vielen Soldaten Gottes Wort predige?!, so muß er fahren; täte er es??icht, verzichtete er auf die Ausübung seines A?ntes, so würde seine Sünde eine größere sei??. — Niemals find wir mehr zu der Erkenntnis von dem tiefen Gehalt unserer Neligion gekommen, als in diesem Kriege,??ie?nals haben wir sie?nehr liebe?! gelernt. — Sollte?! wir noch einmal nach brause zurückkehren, so würde?? wir es??icht mehr verstehen können, * wenn das alles noch einmal zu?n Problem