Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Willy Cohn: Aas Wiederaufleben des religiösen Gedankens 57 unauflöslich zusammen gehöriges Ganzes bedeuten. Am Tage des Kriegsausbruches weilte ich in einem der gewaltigsten Dome der Thristenheit inmitten einer tausendköpfigen Schar tief bewegter, gläubiger Beter, und der Priester sprach kühnlich das Wort, daß der Krieg eine Strafe für den Unglauben der Welt sei! Sehr nachdenklich wurde ich. Konnte man diese Anschauung auch vom jüdischen Standpunkte aus vertreten? Gänz gewiß nicht, aber eins ist doch wahr! Der Krieg ist eine Folge des Unglaubens, eine selbstverständliche, logische Folge, tweil für die Geschicke der Menschheit doch schließlich nichts anderes entscheidend ist, als die Seelen der kleinen Menschen und weil nur der Glaube, der in ihnen wurzelt, Kultur und Frieden der großen Welt sichert. Der jüdische Liberalismus durchlebt heut seine große Zeit. Nicht die im jüdischen Gemeindeleben -politisch wirkende und kämpfende Partei, nicht die religiöse Sonderrichtung, die sich gegen eine Welt von Gegnern durchsetzt und nach Gleichberechtigung strebt, ist damit gemeint, sondern der Liberalismus im besten Sinne, wie wir ihn verstehen: der Pionier des religiösen Denkens inmitten einer Welt von Gleichgiltigkeit, der Lrrvecker schlummernden religiösen Empfindens in dem Urwald e modernen Unglaubens. Alles polemische, alles Aeußerliche legt er in diesen Tagen ab, und alle Kraft kann er sammeln für seine große, rein religiöse Menschheitsaufgabe. Seine Verantwortung ist groß! Die Kerzen sind erfüllt von religiösem Empfinden, und sie lauschen dem Gotteswort mit Sehnsucht und Andacht wie nie zuvor. Das Denken ist gezwungen, die Notwendigkeit religiöser Kulturarbeit anzuerkennen. Die Zeit ist günstig wie noch nie, und wer weiß, ob jemals eine Gelegenheit wiederkehren wird, zu der die Religion so leicht, so überzeugend, mit so verheißungsvoller Aussicht an die Menschen herankommen kann. Wie vor der Zeit der großen Revolution erschallt wieder der geistige Feldruf: Zurück zur Natur! Wir verstehen aber besser, was die Natur des Menschen ist. Zurück zur Natur heißt zurück zur Religion, hinauf zur Kultur, hinauf zum Frieden! Was Gpferwilligkeit, was Waffentüchtigkeit, was vaterländische Begeisterung anbetrifft, hat im deutschen Vaterlande die große Zeit ein großes Geschlecht gefunden. Wird bei der religiösen Erneuerung ein gleiches der Fall sein? Wir erhoffen es! Wer aber sich mit dem Ehrennamen eines liberalen Süden schmückt, der soll nicht allein hoffen, der soll arbeiten! Das Wiederaufleben des religiösen Gedankens. üon Dr. Willy Cohn-Breslau (z. Z. im felde). er große Erzieher und Umbildner Krieg ist auch mit elementarer Macht in die bserzen der Menschen eingezogen. — Was fromme Männer in tiefster Brust ersehnt hatten, was sie zu hoffen nicht wagten, es ist Ereignis geworden, eine innere Frömmigkeit hat lganz Deutschland ergriffen. Die Gotteshäuser sind voll von Betern und Andächtigen, nicht von Menschen, die bloß hingehen, weil es ihnen einmal Gewohnheit geworden ist. Vor Gott will sich jeder zu innerer Befreiung durchringen, vor Gott will jeder seine eigene Festigkeit in dieser harten, schweren Zeit erlangen. Kein Sieg wird ge-