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Liberales Judentum · 1915-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1915) · p. Seite 56

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Ar. Gsldmann: Mas muß bleiben? c o o o bildung ist die Quelle des Bildungshochmuts, für den es keine Probleme gibt, der mit allem fertig ist, der auch alles bespöttelt, was nicht in sein System paßt. Und wer die Ausdehnung des Bildungsprotzentums kennt, das auf seinen logisch bewiesenen Unglauben so stolz ist, wird begreifen, eine wie große Kulturaufgabe der Urieg vollbringt, wenn er durch die Fülle des Gegensätzlichen, durch das Aufrollen der tausende von geistigen und seelischen Problemen auch wider ihren Willen die Menschen zum Denken bringt. Und ehrliches Denken führt zur Religion. Ls gibt zweierlei Arten des Glaubens: das naive vertrauen schlichter Seelen, denen Anfechtungen fern bleiben, und das geläuterte Glauben dessen, der durch Zweifel hindurchgegangen ist und vermittels der Erkenntnis den Weg zum Uremxfinden zurückgewonnen hat. Wahre Bildung, die nicht eine Summe von Kenntnissen, sondern eine geistige Verarbeitung und eine innerliche Erwerbung des Wissens bedeutet, ist fast immer gläubig, der Unglaube dagegen herrscht im Reiche der Halbbildung unumschränkt. Die Kriegszeit, die das natürliche Empfinden des Menschen erweckt, die den Zwiespalt zwischen moderner Weltauffassung und der Sprache des Inneren aufdeckt, führt also schon durch diesen Gegensatz zum Denken. Aber damit ist es nicht getan. Sie lehrt auch, wo die Quelle jener Mitschuld am Kriege liegt, die sichaus dem Fehlen delr wahren religiösen, der sittlichen Kultur ergibt. Wenn natürlich die Sittlichkeit in den Anschauungen des Einzelnen zu einem Zweckmäßigkeitsbegriff herabsinkt, darf man sich nicht wundern, daß Treu und Glauben, daß Nächstenliebe und Gerechtigkeitsgefühl aus den Handlungen der Völker ausgeschaltet werden, sobald eben die materiellen Interessen etwas anderes verlangen. Und selbst für den, der nicht religiös empfinden ' sollte, muß es bei einigem Nachdenken klar werden, daß jede Zurückdrängung des religiösen Geistes ein Stück von dem Untergründe der Kultur beseitigt. Ohne Religion ist Kultur einfach undenkbar, und was ohne sie Kultur sich nennt, ist ein furchtbarer und gefährlicher Wahn. Ohne Kultur, ohne religiöse Kultur gibt es auch darum keinen Frieden. Mit grausamer Folgerichtigkeit lehrt der Krieg denken und zeigt, auf welchem Wege die von allen Kerzen ersehnte Entwicklung der Menschheit liegt, allein liegen kann. Nur wo die Autorität der Religion empfunden wird, nur wo das Wesen des Gottes der Gerechtigkeit und der Liebe in den Seelen der Menschen ein neues Leben gewinnt, nur dort ist wahre Kultur. Nur wo die Religion mit ihren Lehren alles geistige und öffentliche Leben durchdringt, wo zwar Staat und Kirche getrennt sein mögen und sollen, nimmermehr aber Staat und Religion, nur wo die Politik in ihrem Geiste geleitet wird und nicht wie heute nach den rohesten Zweckmäßigkeitsprinzipien, nur dort kann Friede, wahrer, dauernder Friede sein. Es muß die grausame Zeit, die wir durchlleben, eines jeden Menschen Inneres aufgewühlt haben, und sein Empfinden und Denken zu dem Ergebnis bringen, das so klar uns schon aus den Verheißungen der Propheten entgegenleuchtet. Was wir so oft gelesen haben, heute erleben wir es. Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, daß die Religion auf ihren therrschersitz zurückkehrt, von dem aus sie gewiß nicht .in Machthunger die Geschehnisse der äußeren Welt beherrschen, wohl aber die Seelen der Menschen leiten soll. So mag der Krieg eine Katastrophe für alle materiellen Werte sein, er kann, er muß aber eine Hoffnung und eine Erlösung für die Seelen werden, wenn er das Empfinden und das Bewußtsein dafür stärkt, daß Glaube, Kultur und Frieden ein organisches und

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