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Liberales Judentum · 1915-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1915) · p. Seite 55

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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o o o o Ar. Goldmann: Mas mnß bleiben? so ist denn Aberglaube anderes als der irregeleitete religiöse Drang, der in jeder Seele schlummert. Religiöses Empfinden läßt sich eben nicht vernichten, es bricht siegreich durch, und sobald es den rechten Weg versperrt findet, sucht es den Nebenkanal des Aberglaubens. Wenn eben in unserem Zeitalter gerade in den Rreisen der Gebildeten oder derer, die sich dafür halten, der Aberglaube so kräftig blüht, so ist der so „vernünftige" ^Materialismus moderner Weltanschauung, in welcher Gestalt und unter welchem Namen er auch auftreten mag, dafür verantwortlich zu machen, weil er in der Seele die Anelle natürlicher Religiosität verstopft. Die Tatsache ist nun jedenfalls da! Der religiöse Geist lebt wieder in den Massen und Aufgabe der Religionsgemeinschaften muß es sein, ihren eigenen Sinn zu erkennen und den hungrigen Seelen die rechte Rost zu reichen. Nun liegt ein Fehler, den man der jüdischen Theologie häufig zum Vorwurf macht, darin, daß sie die Bedeutung und die Rraft des religiösen Empfindens nur zu oft unterschätzt hat. Und wenn man aus keinem anderen Grunde wüßte, daß diese Anklage nur allzu berechtigt ist, so würde es sich aus dem Bestehen der Mystik, der Rabbalah und des Thassidismus, ergeben. Sie sind offensichtliche Reaktionen gegen die nüchterne, rein verstandesmäßige Art der altes beherrschenden talmudischen Riethode, die dem Gemüt so wenig zu sagen und zu geben weiß. Reineswegs darf man aber etwa in den entgegengesetzten Fehler verfallen und nach dem Beispiel der meisten christlichen Religionen das Empfinden auf Rosten religiöser Erkenntnis herrschen lassen. Ohne sie, ohne die Tätigkeit des Verstandes, führt das religiöse Empfinden allein stets auf Abwege, und dieser Rrieg bedeutet auch für die religiöse Erkenntnis etwas gewaltiges. Er hat denken gelehrt! Es mag zwar paradox klingen, wenn man unserem Zeitalter der Aufklärung und der Bildung vorwirft, daß es zu wenig denke, aber es ist nun einmal wirklich so. Die Durchschnittsweltanschauung der gebildeten Rreise, für die religiöse Probleme ebenso meist ein längst überwundener Standpunkt sind wie religiöse Betätigung, die mehr oder weniger bewußt und ausgesprochen sich zu religionslosen Grundsätzen bekennen, scheint ja ganz und gar auf der Vernunft und dem streng logischen Denken aufgebaut zu sein, und sie ist, wenn man sie näher besieht, dennoch von einer solchen Wundergläubigkeit, daß der naivste der Thassidim im tiefsten Rußland oft ihre Träger beneiden könnte. Natürlich ist dieses Urteil völlig unabhängig von der Sache, denn man kann den religionslosen oder religionsfeindlichen Standpunkt der führenden und denkenden Geister des Monismus und aller anderen atheistischen Lehrmeinungen wohl bedauern und bekämpfen, aber die Achtung vor dem, was ein ehrlich strebender Mensch sich durch wirklich ernste Verstandesarbeit als geistiges Eigentum erworben hat, wird nur ein Fanatiker versagen. Der Denkenden sind ja aber nur wenige. Zhr Anhang ist es, der die Welt mit seinem Geschrei erfüllt, die sogenannten Gebildeten, die in Wahrheit nur halbgebildet sind, die entweder nur gläubig alle Ergebnisse des von ihnen vergötterten Zweiges der Wissenschaft hinnehmen und sie verständnislos nachbeten oder falls sie denken, es nur solange tun, bis sie durch ihren Zweifel alle religiösen Werte zerstört haben, dann aber Halt machen, ohne positiv wieder aufzubauen. Zweifeln ist aber nur der Erreger des Denkens, nicht das Denken selber! So ungefähr stellte sich auch das System des alten Pharao dar, der von Gott sagte, er kenne ihn nicht; also könne er auch nicht existieren! Diese selbstbewußte wundergläubige Halb-

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