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Liberales Judentum · 1915-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1915) · p. Seite 54

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Ar. Gsldurann: Was muß bleiben? Und dieser Weltkrieg wird damit eine drohende Anklage und ein gellender Vorwurf gegen jene, die den sittlichen Untergrund der Weltkultur hätten bauen und in steter Arbeit stärken müssen, gegen die Religionen! Lin bitterer Vorwurf gegen sie, die nur zu oft Kraft und Zeit im Kampfe gegeneinander und für eigennützige kleine Zwecke vergeudet haben, statt sie für die Menschheit zu opfern. Besonders schwerwiegend erscheint der Vorwurf, weil viele Jahrhunderte hindurch die Religion die alleinige Macht über die Gemüter besaß und den Kulturmittelpunkt bildete, aus dem alle anderen.Gebiete Leben und Kraft erhielten. Bei so unumschränkter Herrschaft so beklagenswert geringe Lrfolge! Und wenn auch das kleine Judentum, das stets in der Minderheit und in mehr oder weniger scharfem Gegensatz zur Mehrheit war, das keine direkte Verantwortung für den Aufbau der Weltkultur trägt, sich durch diese Anklage nicht so stark getroffen fühlt, so ist doch auch seine Schuld unverkennbar. Wenn man daher zu Beginn des Krieges im Lager aller Religionen das sichtbare Wiedererwachen des religiösen Bedürfnisses und des religiösen Geistes mit Freuden betgrüßt hat, so war doch dieser Umstand eigentlich nur geeignet, Beschämung zu erwecken. Denn wenn das religiöse Gefühl Ureigentum der Seele und gewissermaßen hestimmendes Merkmal des Begriffes Mensch ist, so-ist es doppelt traurig, daß die Wege so leicht waren, die Seelen so willig und daß trotzdem in Jahrtausenden nur die .Kultur- Höhe erklettert worden ist, auf der das Maschinengewehr thront. Lin bitterer Satiriker hat einmal seinem Lrstaunen Ausdruck gegeben, daß die Religionen die Religion noch immer nicht in Grund und Boden gewirtschaftet hätten. Beim Ausbruch des Krieges glich unser Lmxfinden mehr denn je dem seinen. Daß die schlummernde religiöse Grundstimmung der Seelen in solchen Zeiten zum Durchbruch gelangt und alles andere zurücktreten läßt, ist fast selbstverständlich. Aber es ist ganz gewiß auch gut, daß dem so ist. Das Bewußtsein der Machtlosigkeit, zu der das Einzelwesen verdammt ist, der Schauer vor dem Unabänderlichen, vor den nicht zu beeinflussenden Wegen des Geschicks, das haltlose und Unbefriedigte in jeder empfindenden Brust wirken besonders stark. Sie erwecken die Sehnsucht nach dem festen Gestade, und wo könnte die Seele anders landen, als bei ihrem eignen Zch, bei Gott und dem Glauben an seine Macht. Und alle die Begriffe, die sonst der Zunge vertraut waren, die aber selten in die Tiefe drangen und uns in ihrer vollen Schwere ergriffen, waren mit einem Male seelisches Ligentum geworden! Die Unsicherheit des kleinen menschlichen Schicksals, die Kleinheit, die Gebrechlichkeit der irdischen Wesen, ihr Unvermögen, die Welt nach ihrem Sinne zu lenken, das Bewußtsein von der höheren Macht, die aller Dinge Schicksal lenkt, all das wurde nicht mehr gesagt und d u r ch dacht, sondern empfunden! Das gesunde, unverdorbene Gefühl, das so viele Tausende unter dem Schutte ihrer zusammengebrochenen modernen Weltauffassungen wiederfanden, drängte zu Gott, und damit war der gewiß erfreuliche aber selbstverständliche Aufstieg zu subjektiver Religiosität gegeben. Bei den Lhristen ist dieser Aufschwung sicherlich größer und wuchtiger, als bei uns Juden, aber die wellen, die der Krieg erregt hat, schlagen auch in die Synagoge hinein. Mancher, der sie selbst in diesen Tagen in trotziger Absicht an sich abprallen ließ, mag gewiß auch gespättelt haben über Aberglauben, mag das Gottvertrauen und die Gebete, die die Not hervorruft, nicht gerade als Zeichen echter religiöser Lmpfindungen ansehen. Darf man die Tatsachen bestreiten, soll man es? Was tuts! Was

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