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Liberales Judentum · 1915-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1915) · p. Seite 53

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Goldmann: Mas muß kleiden? 53 der moderne Geschichtsforscher, der das Recht des Staates restlos anerkennt, gibt zu, daß „auch der moderne Nationalstaat wenn er verjüngungsfähig bleiben soll, einer universalen Lebensader und einer steten Rechtfertigung vor dem Richterstuhl des höchsten menschlichen Ideals" bedarf. Ls mögen Träume sein. vielleicht aber hat doch der Dichter recht, der das Lied vom Völkerfrieden hört, „von goldner Zeit, die einst hinieden, von jenem Tag, wo den Propheten ihr leuchtend Recht gesprochen wird." Und vielleicht hat er noch mehr recht, mit den Worten: „wer jene Hoffnung gab verloren und böslich sie verloren gab, der wäre besser ungeboren, denn lebend wohnt er schon im Grab." — Träume und Wünsche, in der Seele der Menschen fest verankert und getragen vom Willen zur Tat, können wirklichste Wirklichkeit werden. Was muh bleiben? Von Dr. felix Goldmann-Oppeln. er Weltkrieg bedeutet eine Ratastrophe, nicht nur für so vieles von dem, was an äußeren Rulturwerken in langer Friedenszeit aufgebaut worden ist, sondern weit mehr noch für jene -g e i st i g e n und s i t t - lichen Güter, auf welche die Menschheit so stolz ist. Alle Begriffe und Werturteile sind ins Wanken gekommen, und vergebens schaut man nach einem festen lhalte aus. was nützt die geistige Rultur von Jahrhunderten und Jahrtausenden, wenn sie nicht imstande gewesen ist, die elementaren rohen Gewaltsinstinkte im Menschen zu ersticken? was haben wir von der Rechtskultur und all der. unendlichen Mühe und Arbeit, die ihre Entwicklüng gefordert hat, wenn die Gerechtigkeit heimatlos in der Welt umherirrt, wenn das Völkerrecht ein zerrissener Fetzen Papier geworden ist und das selbstverständliche Menschenrecht, das Eigentum und die Ehre, in dem uns feindlichen Ausland kaum in dem Maße geachtet wird, wie es vor tausenden von Jahren durch die asiatischen Barbaren geschah! Und welchen Sinn hat die viel bewunderte und viel gerühmte vollendete technische Rultur, wenn ihr deutlichstes, fast einziges Ergebnis darin liegt, daß die Mord^ instrumente des Rrieges jede Erwartung übertreffen, daß man mit ihrer Hilfe Tausende mit einem Schlag zu Löten vermag, während das angeblich rohe und grausame Mittelalter doch immerhin im Menschenschlachten ein bedeutend langsameres Tempo einschlagen mußte — aus Mangel an Rultur! Das Maschinengewehr als Rulturprodukt! Reinen größeren Hohn kann es auf unser Zeitalter, auf die von ihm errichtete Rulturftufe geben, als dieses schneidende Wort. Der große Rrieg macht sehr nachdenklich. Wie ein greller Blitz erhellt er ein Gebiet, das sonst im Dunkel vor uns liegt und von dem wir den Schleier nur selten heben. Aber der flammende Schein der brennenden Welt beleuchtet die Sünden von Jahrtausenden, und es liegt klar zutage, warum eine solche Ratastvophe kommen konnte. Der Rultur der Welt hat das beste gefehlt, der feste Untergrund, die sittliche Rultur. Der Bau, den wir mit dem Sammelnamen Rultur benennen, die Werke der Runst und des Geistes, der Wissenschaft und des Rechts, die Wunderbauten der Technik sind emporgewachsen zu erstaunlicher und überwältigender Höhe, aber der Boden, auf dem sie sich erheben, hat an Festigkeit nicht zugenommen. So wurde er zu schwach, um das stolze, schwere Gebäude zu ertragen, und seine Schwache macht den ganzen Bau wertlos, ja geradezu gefährlich.

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