Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Ueberrrnstirnrmrng jüd. Gr«ndgrdanken mit den Idealen der deutschen Gegenwart mit Blut bezeugt, daß es für eine Idee, eine Sache zu sterben weiß. Man hat ihm vorgeworfen, daß es die Persönlichkeit erdrücke, daß es zu sehr das gemeinsam Verpflichtende betone. Alan wird es ihm heute nicht mehr vorwerfen. wer fühlte nicht, daß die höchste Persönlichkeit die Hingabe an eine Sache ist? In den schweren Zeiten der. Not wird der falsche Individualismus wie die Spreu hinwcggefegt: es bleibt nur der Wille gemein!- samen Handelns, gemeinsamen Leidens. Dies ruft der Ernst der Gegenwart, dies fließt durch unsere ganze Neligion von den Propheten bis heute. Sie ist sozial, nicht individualistisch. Glauben wir aber an gemeinsames wollen, an gemeinsame Ideale, dann müssen wir auch an einen Zweck im Laufe des Geschehens glauben, auch wenn es Leid und Tod bringt. Von „heiliger Not" hören wir wieder sprechen, und wieder fühlen wir das Verwandtsein mit den wurzeln des Judentums. In unendlich verschiedener Form wird von den jissurim schel aliavo, von dem Schmerz aus Liebe, den . Gott aus Liebe schickt, ' gesprochen. Die ganze unendliche Leidenszeit wird so erklärt. Der Traube wird Israel verglichen, weil, „wie diese ihre Süßigkeit nur durch Pressen hergibt, so Israel sein Bestes nur Hurch den Druck." Hören wir hier nicht die Stimmen der Gegenwart? Gewiß, wir werden damit nicht die trösten, die fetzt schweres Schicksal getroffen, wir wollen uns hüten, die großen Wahrheiten der Völker auf jeden Linzelfall anzuwenden. Mit feinem sittlichem und menschlichem Takt haben unsere Alten verboten den Trauernden in seiner Trauer zu trösten. Und wir wissen, es gibt Leid und Elend, dem wir uns in stummer Ehrfurcht beugen müssen, das wir nicht erklären, und nicht trösten wollen: seien wir demütig gegen die Majestät des Schmerzes, ob er in Hütten oder Palästen wohnt. Und doch ist es eine wahre Erfahrung, die jetzt alle Tatsachen predigen, daß Leid läutert, daß es demütig und mild gegen andere macht, daß es die ehernen Schranken der Klasse und Nasse — bei denen die innerlich die Zeit erleben — überwindet, daß es den Thärakter stählt und stärkt. Manche zarte Blüte wird gebrochen; der Starke aber wird gefestet und gehärtet. Und der Krieg zerstört unendlich viel stolze und berechtigte Hoffnungen, wir dürfen ehrlich uni 'sie trauern; er reißt aber auch das Volk aus der Dumpfheit und Enge heraus und lehrt es wieder aufschauen zu einem gemeinsamen Ideal, das mehr gilt als das Privatinteresse. Noch muß das Beste in uns mit schwerem Hammer herausgeschlägen werden; noch sind wir harter Stein, den nur scharfer Meisel und wuchtige Schläge zurechthauen; noch ist es währ, daß v die großen Dokumenten der Menschheit mit Blut geschrieben sind. Mb es immer so bleibt, so bleiben muß? Man sagt es und beruft sich dabei auf die Natur des Menschen und auf die Geschichte. Nicht zufällig ist die Uebereinstimmung der Grundgedanken des Judentums mit den Idealen der Gegenwart: sie sind beide in schwerer Zeit geboren und schießen in schwerer Zeit immer wieder empor. Es sind ewige Kräfte, die ihre Wahrheit damit erweisen, daß sie in der Not als mächtige Helfer gefunden werden, daß sie dem ungeheueren Geschehen gegenüber Kraft und Vertrauen und Ueberwindung geben. Durch die Jahrtausende fließen sie als ein vielleicht oft verschütteter aber stets wieder von neuem lebendiger (Huell. wenn aber die aus tiefster Erschütterung geborenen Gedanken eine reale Macht in der Seele des Einzelnen und im Leben der Völker geworden sind, so dürfen wir auch hoffen, daß, wenn auch nur sehr langsam das andere Ideal der Propheten sich verwirklicht, das ebenfalls in den Völkerstürmen geboren ist: ein friedliches Zeitalter. Auch