Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Urkerrinstimuumg;üd. Grundgedanken mit den Idealen der deutschen Gegenwart ° ° feit, vielleicht ist der Name allzuoft für Dinge gebraucht worden, die sich mit seinem Gehalte nicht decken: nun gber fühlen wir ganz seine Größe, nun fühlen wir tief die Worte die einst zu Mose gesprochen wurden: „Denn nicht sieht mich ein Mensch und bleibt am Leben". — Wir fühlen, daß wir kaum den Saum des Gewandes des Allmächtigen sehen, der da schafft und wirkt in allem Lebendem. Alle, denen die Gegenwart Erlebnis wird, finden sich zu ihm: die Eltern um ihre Rindern, die Gattin um den Gatten, die Führer um den Sieg, der Soldat um die Erhaltung, die Dichter um zu sagen, was ihnen das Herz füllt, das ganze Volk um der Stärke und Rrast willen. Es heißt die Menschenseele recht verkennen, wollte man darin nur den Ausfluß augenblicklicher Not und Angst sehen. Das mag dabei sein, — wo bliebe ein Großes ungetrübt und wer wagt es zu richten, wenn die Angehörigen um die Ihrigen, wenn ein blühendes Menschenkind um Dauer unter der Sonne fleht — aber es ist doch in der Hauptsache etwas ganz anderes als eine Schöpfung der Angst. Diese Rückkehr zu Gott ist unendliche Fülle und Reichtum, ist Schluchzen und Freude, ist Flug zu den Höhen — ist die Ewigkeit, die das Zeitliche durchfließt. „Aus der Enge rief ich Gott, er antwortete mir aus weitem Raum." Seien wir sparsam mit dem Worte; gebrauchen wir es selten. Der Volksglaube sagt, Daß das Glück entflieht, wenn man den Namen des Gewünschten ausspricht: der Gehalt entflieht, wenn wir den Namen des Ewigen allzu oft aussprechen. — Ks mögen hier aus einer Rede die der Theologe Deißmann*) in Berlin gehalten hat folgende bezeichnenden Sätze angeführt werden. „Nicht nur geweckt hat der Rrieg die Religion, sondern auch inhaltlich beeinflußt. Er hat in unsere weiche persönliche Reli- *) Aus: „Deutsche Reden in schwerer Zeit". Heft 9. S. 16/17. Siehe auch S. 31/22. gion und in unsere durch tausend Ordnungen regulierte soziale Religion glühendes Metall hineingeworfen, und es kann nicht bestritten werden, daß die jetzt bei uns lebendige Religion bei den einzelnen und in der Gemeinschaft heroischere Züge trägt, als in den Wochen, da wir uns auf die Ferienreise rüsteten. Insbesondere unsere gegenwärtige soziale Religion zeigt oft, daß sie nationale, daß sie deutsche Züge trägt, und von dem deutschen Gott predigen nicht bloß etliche unter unseren s?oeten und Propheten, sondern auch ein Historiker wie Max Lenz hat mit feurigen Zungen tiefer Dankbarkeit von der Offenbarung des deutschen Gottes in unserm heiligen Rriege Zeugnis abgelegt. Der deutsche, der nationale Gott! Schön in jungen Semestern haben wir Theologen in den Hörsälen gelernt, daß der nationale Gott einer niederen Stufe der Religionsgeschichte angehört und zahllose Lizentiatendisputationen haben ihn mit spitzen Thesen voll ironischer Ueberlegenheit erledigt. Und nun ist er mit einem Male wieder da, nun haben die Worte des alten Testaments die ihn verkünden, die ihn preisen und die ihn anflehen bei uns wieder einen Glanz und eine schwingende Energie erhalten, wie in den Tagen der Makkabäer, und mit dem brausenden j)salmen- und Lutherwort auf den Lippen: „Eine feste Burg ist unser Gott" ziehen unserer .deutschen feldgrauen Divisionen ein in das eroberte Antwerpen. Was sollen wir davon halten? Hat der Rrieg hier die Religion gestört, oder hat er sie gestählt? Ich sage er hat sie gestählt und wenn wir als Volk uns jetzt mit Inbrunst .um „unseren" Gott scharen, so ist dies kein Rückfall in einen niedrigen Zustand, sondern es ist ein Aufschwung zu Gott selbst. Wie der Einzelne den höchsten Flug zu Gottes Gemeinschaft tut, wenn er bekennen kann: „mein Gott", wenn der tote, theore-