Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 47 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Aus der Jugendbeivegnns: Hamburg 47 alter weit besser war als in späterer Zeit und bis in unser Jahrhundert in vielen deutschen und außerdeutschen Staaten, wurden doch selbst in den Ausführungsbestimmungen zum (Lode civil (bürgerliches Gesetzbuch) des Kaisers Napoleon I., der auch in vielen deutschen Staaten bis in unsere Zeit Geltung hatte, den Juden nur eine beschränkte (Lidesfähigkeit zugestanden, und wie es mit ihrem Bürger- und Wohnrecht in vielen deutschen - Staaten bis tief in das 49. Jahrhundert beschaffen war, werden wohl viele von den jetzt noch Lebenden aus den Erzählungen ihrer Eltern wissen. Zn mancher Beziehung war das verrufene Mittelalter offenbar also gar nicht so mittelalterlich. In einer Einsicht allerdings müssen wir es für sehr rückständig ansehen: es kannte noch keine Rassentheorie und konnte den Juden daher auf Grund dieser fraglichen Errungenschaft unserer Zeit ihre Rechte noch nicht verkümmern, Hoffentlich hat der Völkerkrieg, der jetzt in Europa und darüber hinaus tobt, auch der unhaltbaren Rassentheorie den Todesstoß versetzt. Denn nach den Erfahrungen, die wir jetzt machen, wo Germanen gegen Germanen und Slaven gegen Slaven kämpfen, wo Arier als Bundesgenossen der Mongolen uns niederzuwerfen suchen, ist den Lehren der Rassetheoretiker doch wirklich der Boden entzogen. Aber auch die Juden selbst haben die Rassentheorie zu Schanden gemacht, denn sie kämpfen auf allen Seiten Schulter an Schulter mit ihren Mitbürgern und liefern somit ihrerseits den Nachweis, daß nicht der Rassegedanke, sondern der Staatsgedanke die Menschen eint oder trennt. Und soweit waren die Wormser schon im 13. Jahrhundert gelangt. Allerdings hat im Jahre 1349 der entflammte religiöse Fanatismus die jüdische Gemeinde zu Worms vernichtet; aber wir dürfen annehmen, daß bei der 1353 erfolgten Neuniederlassung von Juden in Worms ihre rechtliche Lage nicht wesentlich verschlechtert war. ÜU5 der Jugendbewegung. GVirPke SLrrriderr, veranstaltet von der Jugend - Organisation der Vereinigung für das liberale Judentum in Arutfchland, Ortsgruppe Hamburg. Die rührige Hamburger Jugendorganisation hat sich entschlossen, auch in dieser schweren Zeit eine Reihe von Veranstaltungen unter dem Namen „Ernste Stunden" abzuhalten. Die erste dieser Veranstaltungen fand an: Sonntag, den 6. Dezbr., vorm. IIV2 Uhr im weißen Saal des Turio-Hauses vor einem außerordentlich zahlreichen Publikum statt. Nachdem der Tempelchor mit Orgelbegleitung „Bitten" von Beethoven vorgetragen hatte, rezitierte Herr Max Montor den 35. Psalm „Hadere 0 Herr mit meinen Haderern" und den zweiten Akt von Otto Ludwigs Makkabäer. Fräul. Lotte Gaßner trug dann „Tröstung" von Mendelssohn vor. Herr Dr. p. Rieger sprach über „Krieg und Religion". Der Redner führte etwa folgendes aus: Jedem Bibelleser muß es auffallen, daß in der Bibel, dem Buch der Nächstenliebe und des Friedens, so oft vom Krieg die Rede ist. Noch auffallender ist aber die Tatsache, daß die Schrift kein Wort enthält, das den Krieg verdammt. Wohl haben die Propheten den kommenden Weltfrieden verheißen, die Bibel selbst aber betrachtet den Krieg als eine in der Weltordnung begründete notwendige Erscheinung. Es ist die letzte Folgerung und Forderung der biblischen Rechtsanschauung, das letzte Rechtsmittel, dem Rechte zum Recht zu verhelfen. Er ist eine sittliche Pflicht und ein Gottesdienst, denn er straft das Unrecht, und die Krieger werden in der Bibel geradezu, als Gottgeweihte, als Gottgeheiligte bezeichnet, denn sie kämpfen für das Recht und seinen Schirmherrn, die Gottheit. Der Krieg ist - aber in der biblischen Weltanschauung zugleich die Zuchtrute Gottes, sein härtestes Erziehungsmittel für die Völker. Er ist ein Prüfstein für die Echtheit ihrer Kultur und Sittlichkeit. Nicht der Krieg ist eine Schande für die Kultur, sondern daß die Völker im Kriege ihre Unkultur offenbaren. So hat sich die vielgerühmte Ritterlichkeit der Franzosen in diesem Krieg als ein Theaterkleid erwiesen, unter dem sio ihre Entartung und innere Verderbtheit geschickt verhüllten; so offenbarte sich die hochgepriesene englische Vornehmheit als Scheinheiligkeit, hinter der sich Neid und Schel-