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Liberales Judentum · 1915-03-01 · Heft 3-4 (März 1915) · p. Seite 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 3-4 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 44 (sequence 20)
Language
German
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44 Karl Rosenthal: Aardaren o o o o hinter dem großen Lagerschuppen eines zerschossenes Gehöfts eine — Dreschmaschine, die mit behaglichem Gebrumme ihr eintöniges Rädergeklapper begleitet. Erstaunt trete ich Ln das Gehöft — ja, was denn? Das sind ja deutsche Soldaten, die dort an der Dreschmaschine arbeiten.- Deutsche Krieger im Feindesland, die das Korn ausdreschen, das der feindliche Boden getragen hat! Doch mein Staunen wächst noch mehr. Wie ich rüstig ausschreitend das Dörfchen. hinter nur lasse, sehe ich weit und breit auf den Aeckern rege Tätigkeit. Dort sind Soldaten eifrig dabei beschäftigt, das noch vom vorigen Herbst in hochgeschichteten Diemen liegende Getreide auf Wagen zu laden und dann nach der Dreschmaschine zu fahren. Noch oft auf meinem Wege begegnete mir solch ein hochgetürmter Wagen. Ich trete an den Führer eines Gefährts heran, es ist ein bärtiger Artillerist. Von dem höre ich nun mehr über die friedliche Tätigkeit hinter der Front. Allein von der einen Batterie, zu der er gehört, sind 24 Gespanne zu landwirtschaftlicher Arbeit gestellt. Während die Geschütze vorn in Stellung liegen, Tod, Verderben, Vernicht tung bringend, sind Menschen und Pferde, die nicht unbedingt „vorn" gebraucht werden, der friedlichsten Tätigkeit Vorbehalten. Im Weitergehen sinden meine Augen bestätigt, was der Artillerist mir erzählt. Auf den breiten, schweren Aeckern zieht mancher Pflucj tiefe Furchen, mit Egge und Hacke wird die harte Krume zerkleinert. Unter den Soldaten gewahre ich auch französische Zivilisten, die bis jetzt untätig dem Ruin ihres Landes zugeschaut, unter der Anleitung unserer Soldaten die heimatliche Scholle bebauen. Mit stumpfem Gesichtsausdruck tuen sie halb träumerisch, halb verlegen die längst entbehrte Arbeit. Liner ist unter ihnen, dem noch immer ein ungläubiges Staunen aus den dunklen Augen guckt, ein stilles Verwundern, daß diese „Barbaren", von denen man sagte, Zerstörung^ wut und Lroberungslust habe sie herge^- trieben, nun in emsigen Fleiß das Feld für's Frühjahr bestellen! Wenige Kilometer weiter tobt noch der eiserne Streit — und hier, unmittelbar hinter der Front, sät deutsche Gewissenhaftigkeit neue Saaten für eine friedlichere Zukunft! Lin prophetenwort drängt sich mir auf die Lippen: „Siehe, ich beftelle Dich an diesem Tage übe-r Völker und Königreiche, n.iederzur ei ßen und zu z erstören, zu vernichten und zu zertrümmern — um aufzub au en und zu pflanzen!!" wie Israels Propheten Kampf und Not auf sich nahmen, um neues, besseres Leben zu säen, so hat das deutsche Volk dieses gewaltige Völkerringen nicht mutwillig vom Zaun gebrochen, wie unsere Gegner behaupten, sondern nur eiserner Notwendigkeit folgend: zwar niederreißend und zerstörend, aber auch aufbauend und pflanzend. Aus den Ruinen.zerstörter Dörfer und Städte (die ja nicht etwa nur von uns verheert sind!) soll neues, besseres Leben erblühen. Ich schäme mich nicht der Rührung, die mich überkam, als ich, noch umfangen vom grausigen Getöse des Kampfes, diese herrliche, segenbringende, aufbauende Tätigkeit deutscher Soldaten im Feindesland gewahrte. Und als ich meines Wöges weiterzog, als hoch mit Garben beladene Wagen mir begegneten und als ich weit und breit auf den Aeckern die Pferde wiehernd vor pflüg und Egge sah, ihre wehenden Mähnen vom Silberglanz der weißen Wintersonne umflossen, da ward mir <*ufs, neue klar: Der Kampf, den wir führen, ist ein Kampf der Kultur gegen die Unkultur, ein Kampf des Idealismus gegen schnöde Politik der unersättlichen Habgier. Ein leuchtendes Ziel winkt fern, fern, unserer schweren, leider so blutigen Arbeit: wir sollen die Welt mit deutschem Geist durchtränken; das ist der Geist der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, der gewissenhaften Treue und Ljebe, der Arbeitsamkeit und Strebsamkeit. An solchem Wesen soll die Welt genesen: W e j’h e i b'rochoh — „Du sollst ejin Segen sein!" — \

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