Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 43 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Karl Rosenthal: Barbaren 43 Petroleumlampe, die wir vor denen daheim voraushaben. Im ersten Stock wohnt der Hausherr, seine Frau und die Tochter, deren Mann im Felde steht, sie weiß nicht wo. Das ist das Bitterste für die Bevölkerung in den besetzten Landstrichen, daß sie von ihren Lieben draußen vollständig abgeschlossen ist. Sonst hatten auch diese Leute unter dem Kriege nicht allzu viel zu leiden. Sie geben sich sichtlich Mühe, ihrem Logiergast den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, und man vergißt beinahe gänzlich, daß man doch „Feind" ist. An einem Abend, an dem ich zur Arbeit zu müde war, bat ich die Drei, mit mir Tee zu trinken. Der Alte brachte ein Dame-Mühle-Brett mit, und — was ich seit undenklichen Zeiten nicht getan — ich spielte. Galant ließ mein Partner mich gewinnen, indem er mich wiederholt aufmerksam machte: bouchez les trous. Ja, darauf kommt es an, die Lücken wieder zu füllen, frische Reserven heranzuziehen, die geschickt zur Verwirklichung des Gesamtplans verwendet werden, Wer das versteht, gewinnt das Spiel, auch das blutige, in dem die Völker sich messen. So denkt man doch bei allem nur das Tine. Wie fern auch die Kanonen grollen, wie anmutig die Flieger — Riesenlibellen gleich — sich Im Sonnenschein wiegen, ich brauche nur das Auto zu besteigen und bin in einer halben Stunde miten im Feuer der Geschütze. Barbaren. Von Prediger Karl Rofenthal, Hörde i. Westf., Offizier-Stelloertreter, z. Z. im felde. Siehe, ich bestelle dich an diesem Tage über Völker und Königreiche, niederzureißen und zu zerstören, zu vernichten und zu zertrümmern — um auszubauen und zu Pflanzen. Jer. I, 10. pudert eherne Schlünde brüllen um mich mit Stimmen des Todes. Krach auf Krach bersten um uns furchtbare Granaten, Tod und Vernichtung bringend, prasselnd schlagen mit nervenerschütterndem Lärm tausend winzige Geschosse an unseren Schützengraben, und heulend sausen in durchdringendem Zischen die Schrapnells über uns hin. Ich liege in meiner Erdhöhle, . lehmbedeckt, und lasse meine Gedanken zurück schweifen — das Getöse der Granaten kann sie nicht stören; wer tagtäglich den fürchterlichsten Tod um sich sieht, verlernt das Fürchten, weil er weiß, daß er ihm ja doch nicht entrinnen kann. Nur Geduld, ein ruhiges Sich-fügen, ein ruhiges Vertrauen, ein williges Abwarten -und eine stille Hoffnung; bas ist's, was den Krieger in solchen Stunden erfüllt.- So liege ich in meiner Erdhöhle, lehmbedeckt — und lasse meine Gedanken zurückschweifen. Noch kann ich das Bild nicht vergessen, das meine Seele erfüllt. Denn gestern war ich dem Donner der Schlacht entronnen, der schon so lange in meinen Mhren dröhnt und der in ''meinem Kerzen so tiefen Wiederhall weckt. Ein dienstlicher Weg führte mich nach einem kleinen Städtchen, acht, zehn Kilometter hinter der Front. Es. war ein frischer, kalter Februarmorgen. Dicker Reif lag auf Baum und Straße. Krähen pickten Körner vom Feld und stoben mit eckigem Flug auseinander, als ich mit schwerem Schritt die Landstraße zog. Ich durchschreite ein kleines Dörfchen — wie freundlich muß es früher zwischen den Bäumen herausgelugt haben! — — heute ist's ein trauriger Trümmerhaufen, der zur Wehmut stimmt. Wie grausam wütet der Kriegs . . . Doch was ist das? — Wie ich mich dem Ende des Dörfchens nähere, dringt seltsames Summen an mein Vhr. — Ich bleibe lauschend einen Augenblick stehen; richtig, den Ton kenn ich, wie oft habe ich ihn als Kind in der Heimat gehört! Und wie ich um die Ecke der Straße biege, sehe ich