Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 42 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Ar. SaSbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch IV. 0 O o o sichtbar feine geistige Fäden in einer Zentrale zusammen; von hier wiederum setzt die Denkkraft und der Mille einiger weniger, von einer großen Schar ausführender Beamter als „Funk"-, als „Fernspruch" übermittelt, den Riesenapparat einer Armee in Be-- wegung bis in die Schützengräben in den Argonnen westlich, in. den eotes Lorraines und der Moevre-Gbene östlich, bis zu den schon eroberten Forts südlich des immer enger und fester umklammerten Verdun und seiner zähen Verteidiger. Nicht weit davon hat der Kronprinz sein Quartier. Die Sauptstraße trägt seinen Namen. Es gibt wohl kaum ein Dorf in der Umgegend, das nicht eine Straße -nach ihm nennt, wie sehr auch die zerschossenen oder verfallenen Säuser mit einer „Kronxrinzenstraße" konstratieren. Unser Kronprinz ist bei der Zivilbevölkerung nicht weniger bekannt und beliebt als bei seinen Soldaten. Menn er, nur.von einem Adsutanten und seinem Sund begleitet, durch die Straßen und Gassen geht, umringen ihn die Kinder; sie wissen, für jedes hat er eine Näfchercsi in der Tasche. Seine hohe schlanke Gestalt, sein ungezwungenes liebenswürdiges Mesen, seine jugendliche Seiterkeit bezaubern Aung und Alt. Ich sah ihn gleich Anfang Januar neben dem Kaiser. Beide traten, gefolgt von einer größeren Anzahl Offiziere, nach Beendigung des Gottesdienstes auf die Freitreppe der hübschen Stadtkirche hinaus. Gin Zug von über 600 erst kürzlich gefangener Franzosen wurde an der Kirche vorbeigeführt. Der Kaiser verneigte sich, ritterlich grüßend; der Gruß galt den französischen Offizieren, die an der Spitze des Zuges marschierten. Kein lauter Lmpfang wurde demobersten Kriegsherrn bereitet; aber uns allen, die wir ihn sahen, war feierlich zu Amte. Zn Kaisers Geburtstag gab es auch keine j)arade; aber die französischen Glocken läuteten, und deutsche Fahnen wehten, und die Türen und Fenster der Soldatenquartiere prangten im Grün der Tannenreiser. Abends wurde „illuminiert"; die glänzendsten Illuminationen der Reichshauptstadt haben mich nicht so ergriffen wie die Lichtstümpfchen in den Fenstern dieser Gassen. Ich holte meinen Thanukkaleuchter hervor, der anderthalb Monate früher in die Gerzen junger Rlakkabäer sein Licht ergossen hatte und den ich gewiß nicht noch einmal im Felde zu brauchen gedachte. Mieder strahlten die acht Lichtlein in die Nacht hinaus wie vor über 2000 Jahren in der heiligen Stadt. Galt es doch auch heute einen Seiden zu feiern, der an der Spitze eines kampfbegeisterten Seeres gegen einen an Zahl weit überlegenen Feind ins Feld gezogen ist, in demütig frommem Sinn die heiligsten Güter seines Volkes zu schützen und wie ein eiserner Smnmer das Merk des Sasses, des Neides und der Lüge zu zerschmettern. Am Morgen hatte ich im Saal der Bürgermeisterei Festgottesdienst gehalten. Dort werden, jedesmal für ein paar Tage in der Woche, die Geiseln interniert, nur Sonnabend Abends finden sich darin die Aerzte zusammen, Anfänger neben Korvphäen, um mitten im zerstörenden Krieg der aufbauenden Missenschaft zu dienen. Eine der Geiseln ist mein Mirt, ein ehemaliger Zollbeamter, der Eigentümer des artigen Säuschens, in dem ich wohne. Zwei Zimmer zu ebener Erde, die „für den höheren Stab reserviert" waren, wurden mir sogleich, als ich herkam, als Unterkunft angewiesen, das vordere ist eine Küche, in der inein Bursche schläft (nicht zur Bewachung, denn man ist nirgends so sicher wie hier — in Feindesland), das andere ein großes Wohnzimmer mit dem Ausblick auf den Garten. Der alte, eingebaute Schrank, die eichene Bettstelle geben meiner Behausung einen Anstrich von Vornehmheit, für Gemütlichkeit aber sorgt der eiserne Ofen (an Stelle des „falschen Kamins") und des Abends die