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Liberales Judentum · 1915-03-01 · Heft 3-4 (März 1915) · p. Seite 40

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 3-4 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 40 (sequence 16)
Language
German
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40 Br. Kalzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch IV. erhielt die Adresse meines unbekannten Partners. Ich schrieb ihm französische, er schrieb mir Deutsche Briefe, ohne daß wir versäumten, in zahlreichen Germanismen bezw. Gallizismen unsere nationale Ghre zu wahren. Bei fehlenden Vokabeln half das Wörterbuch aus, und die Gauptregeln der Grammatik hatte ich aus dem „Kleinen jAoetz" gründlich genug mir eingeprägt, um sie in .zweifelhaften Fällen sogleich zur Gand zu haben; ms te 86 nous vous vor le la les und le la les vor lui und leur. Der deutsch-französische Annäherungsversuch war in vollem Gange, äls ich in einem Briefe an Al. i?llphonse auf das religiöse Thema zu sprechen kam und erzählte, daß ich Jude sei. Die Antwort darauf kam französisch und enthielt nur wenige in höchster Leidenschaft hingeworfene Zeilen: A ‘bas Dreyfus! A bas les Juifs! Ils sont tous traitres a la patrie! Und dann folgte der ivohlwollende Bat, wenn ich nicht zur chölle verdamnä werden wolle, so sollte ich Katholik werden. - Den Kat habe ich nun nicht befolgt, aber ich habe lange darüber nachgedacht, was das für ein Volk sein müsse, in dem schon die Jugend von religiösem und politischem Fanatismus also vergiftet ist, daß sie sogar die uns oft gerühmte Höflichkeit ihrer Nation außer acht läßt, von den Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit garnicht zu reden. Und ich habe diesem Lande gewünscht, daß einer seiner großen Dichter wieder auferstände, nicht Gorneille und Racine mit ihrem gemessenen Pathos, aber er, der mit einer köstlichen Ironie seinen Landsleuten den Spiegel vorhielt: Moliere, den sie als Ketzer begruben. Das war mein erstes „rencontre" mit Frankreich. Die französische Sprache habe ich nach der Schulzeit bedauerlicherweise arg vernachlässigt, aber „le la les vor lui und leur" klingt's noch fetzt bisweilen mir im Ohr, und ich begreife heute besser als damals, warum den Franzosen die Artikel in der Anklageform, im' Accusativ, der Gebeform „ihm" und „ihnen" vorangehn. wo mag Ul. Alphonse jetzt stehen? wird er heute die Deutschen beschimpfen wie damals die Juden? Oder wird er die Vaterlandsliebe bewundern lernen, die die einen wie die anderen zu todverachtendem Mute hinreißt? Möchte mein ehemaliger Freund aus diesem Kriege heimkehren, um dann den Kampfe gegen Lüge und Verleumdung in seinem vaterlande tapfer mitzukämpfen! Das steht jedenfalls zu hoffen, daß die Bevölkerung Frankreichs, die Wochen und Monate mit deutschen Soldaten zusammenlcbt, gerechter über die „boobes" urteilen wird als heute die von der Regierung und ihren Organen aufgestachelte Menge. Wohl sind ganze Dörfer dieses schönen blühenden Landes durch das Feuer der Deutschen wie der Franzosen selber eingeäschert worden, aber es sind verhältnismäßig nicht gar viele. In den anderen Dörfern und in den Städtchen und Städten, die von uns besetzt sind, wird die Einwohnerschaft nichts weniger als hart behandelt. Sie hat selbstverständlich die Lasten der Linquartierung zu tragen und mußte sich die Beitreibung von Lebensmitteln und anderen für militärische Zwecke notwendigen Dingen gefallen lassen. Aber eine strenge Ordnung, die sehr bald j)latz griff, sorgt dafür, daß für jede materielle Leistung der Bürger einen amtlich gestempelten Gutschein erhält, der nach Beendigung des Krieges von dem Besiegten einzulösen bezw. mit der Kriegskontribution zu verrechnen ist. Die Bevölkerung hat sich, auf die guten Erfahrungen von 1870 bauend, mit dieser Art der Bezahlung rasch abgefunden. Dje Familien — es handelt sich selbstverständlich nur um Frauen, Kinder und alte oder kranke Männer — können, soweit sie dazu in der Lage sind, ihren Bedarf an Nahrung von den Soldatenkantinen beziehen, im übrigen werden sie von der deutschen Behörde

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