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Liberales Judentum · 1915-03-01 · Heft 3-4 (März 1915) · p. Seite 39

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 3-4 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 39 (sequence 15)
Language
German
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Ar. Salzberger: Ans meinem Kriegstagebuch IV. 39 — eines Tages könnten wir zur Abwehr diese Feststellung nötig haben —, aber wir, die wir als lebendig mitschaffende Glieder in die Kette unserer Zeit hineingehören, wir dürfen uns nicht des. Selbstverständlichen rühmen. Freuen wir uns der wundervollen Begeisterung, die in allen deutschen Serzen glüht und über j)arteienstreit und kleinliches Sassen hinweg ein einiges Volk geschaffen hat, freuen wir uns der unbeugsamen Entschlossenheit, die durchhält bis züm siegreichen Lnde, freuen wir uns der todesmutigen Tapferkeit unseres unvergleichlichen Seeres — wir dürfen uns dessen als Deutsche von ganzem Serzen freuen —, aber trüben wir uns doch nicht selber die Freude, indem wir uns aus dem geschlossenen Kreise als Juden herausheben! Im religiösen Bekenntnis gehen wir unseren eigenen Weg, den Weg, den unsere religionsgeschichtliche Vergangenheit uns vorgezeichnet hat. Da erwarten wir von unseren Mitbürgern, daß sie uns verstehen, und vom Staate, daß er unsere religiöse Ueberzeugung achtet und keinen Bürger um seines Glaubens willen zurückgesetzt. Als Juden bleiben wir bekenntnistreu, wir leben unser eigenes religiöses Leben, keine Macht der Trde wird uns davon abbringen. Als Deutsche aber wissen wir uns eins mit allen Gliedern der Nation in der Begeisterung für das Gwige, das im deutschen Volke lebt. Wir bekennen uns zu dem Worte Fichtes, das er in schwerer Zeit aus der deutschen Volksseele heraus als Deutscher zu Deutschen gesprochen hat: „Immer und notwendig siegt die Begeisterung für das Lwige über den, der nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege erkämpft." Aus meinem Kriegstagebuch. Von Rabbiner Dr. Salzberger-frankfurt a. M. IV. I n Feind esland. Durchs offene Fenster leuchtet die Nacht herein. Der weiße Schnee ist's, der im Kampf nnt der Sonne Zoll für Zoll hat weichen müssen und nun im kühlen Mondschein träumend ruht. Die ganze Landschaft schläft und träumt. Kein Laut zu hören nah und fern. Nur im Garten die zarten Schneeglöckchen, glaub ich, läuten leise. Sie läuten den Frühling ein, hat man uns erzählt, als wir noch Kinder waren. Unwirklich märchenhaft erscheint mir alles um mich her. Ist da draußen der Krieg und ich bin in Feindesland? Wie anders hatte ich mir einst meine erste Reise nach Frankreich vorgestellt, damals, als ich die ersten Worte jener merkwürdigen Sprache erlernte, diie man nicht so spricht wie man sie schreibt und die das alte markige Latein, das schon dem Sextaner imponierte, zu tändelndem Spiel verflüchtigt. Was Ich über das moderne Volk der Gallier hörte, war freilich bitterer Ernst. Es war die Zeit, wo die Dreyfus-Affäre nicht allein Frankreich, sondern die ganze gebildete Welt in Atem hielt, wo wir Kinder an den Lippen von Vater und Mutter hingen, wenn sie des Morgens aus der Zeitung von den Dualen des unglücklichen Sauptmanns auf der Teufelsinsel vorlasen und von seinem verzweifelten Kampf um Wahrheit und Recht. Der wilde Judenhaß, den dieser Kampf erst recht entfesselte, war nicht geeignet, mich für die Franzosen einzunehmen. Und doch, als eines Tages unser Sprachlehrer fragte, welcher Schüler mit einem französischen Altersgenossen korrespondieren wolle, meldete ich mich sogleich und

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