Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Mar Freudenthal: ReligisnsgrschichtLiche Betrachtungen zuw Kriege 35 Betrachtungen ausgegangen sind, stärkt den Optimismus in dieser Frage gerade nicht. 3* den Freiheitskämpfen vor einem Jahrhundert haben unsere Ahnen, ohne Bürger zu fern, bereits freiwillig und ohne jeden Zwang auf den Schlachtfeldern mitgekämpft, und die Zuhausegebliebenen hatten ebenso wie heute in patriotischem Opfersinn gewetteifert. Lsard e n b e r g, der berühmte, preußische Minister, erklärte damals: er könne' kein Gesetz mehr unterschreiben, das hinsichtlich der Juden inehr als vier Worte enthalte: gleiche Rechte, gleiche Pflichten! So tief war der Lindruck der großen Tage. Die Deutschtümelei, die unter den Gebildeten, die politische Reaktion, die unter den Regierungen einj'etzte, machte alles zu nichts. Als dann der Krieg 1870/71 ausbrach, zogen unter der allgemeinen Wehrpflicht auch unsere, seitdem Bürger gewordenen Religionsgenossen hinaus aufs Feld und halfen auch mit ihr em Schwerte des deutschen Reiches Größe schmieden und auch miti h rem Blute der deutschen Länder Einheit kitten. In die neue Reichs- . Verfassung würde der Grundsatz Hardenbergs nunmehr ausgenommen und Recht und Pflicht des Staatsbürgers, ausdrücklich unabhängig gemacht vom religiösen Bekenntnis. Der Stöckersche Antisemitismus, Bismarcks Kampf gegen den Liberalismus, das Umsichgreifen der Rassetheorien haben trotzdem die Zustände herbeigeführt, die als verfassungswidrig fo 'oft von uns Lebenden bekämpft Worden sind, werden wir auch jetzt wieder, nach dem.trotz aller Gegner mit Gottes Hilfe sKegreiZhen Ausgang auch dieses gewaltigen /Krieges solche Reaktionen in Kauf nehmen müssen? Soweit der Judenhaß ein Ausfluß p e r s ö n l ich e r Abneigung ist, wird . er auch nachher nicht verschwinden, zumal es.auch unter uns selber immer wohl solche Juden geben wird, denen die besten Waffen -dawider fehlen: Selbstachtung und Selbstwürde! Soweit er aber Weltanschauung und politische Uebung darstellt, könnte er in der Tat endlich aus Deutschland verschwinden, wenn nur die* richtigen Lehren aus diesem .Krieg gezogen würden. Zunächst müßten des Kaisers Worte, daß er keine Parteien, also auch keine Konfessionen, sondern nur noch Deutsche kenne, so wie sie gemeint waren, ohne jede Ausdeutung und'Umdeutung sich im Staatsleben geltend machen. Dazu müßte die jetzt so bitterlich gewonnene Erkenntnis, daß wir Deutsche ringsum von unerbittlichen Gegnern eingeschlosfen sind, daß wir selbst auf unsere Freunde nicht allzu viel bauen können, aus emer furchtbaren zu einer fruchtbaren werden und uns tief einprägen, daß wir uns den Luxus innerer Kämpfe, Verbitterungen, Zurücksetzungen nicht gestatten können. Und endlich müßte die ganze Rassentheorie ihre Großsprechereien einpacken. Denn noch nie hat in der Weltgeschichte eine Lehre e,in solches Kasko erlitten, wie sie durch diesen Krieg, Rassen, y>,ie sich gegenseitig haßten, haben sich einträchtig, zusammengefunden, Rassen, die zusammengehören sollten, sich zum erbittertsten Kampfe gegeneinander gestellt. Rassen, die .angeblich die Blüte der Kultur und der Zivilisation darstellten, haben sich als kalb berechnende Verräter aller dieser Güter, andere, auf die man stolz und verächtlich herabsäh, als viel treuere und zuverlässigere Freunde erwiesen. Keine verkehrte Welt etwa, sondern nur ein Beweis für verkehrte selbstherrliche Lehren und Theorien! Aus solchen Erkenntnissen -heraus erhoffen wir Ln der Tat für die deutsche Kultur auch in D.eut schland s e-lb er wieder ein.tüchtig Stück vorwärts, und selbst wenn es auch Diesmal langsamer voran gehen sollte, f als die Optimisten unter uns glauben, hoffen und wünschen, — uns deutsche Juden würde das vielleicht enttäuschen,aber sicher nicht verzweifeln lassen, wir wissen aus unserer Geschichte, zu gut, was Deutsch-