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Liberales Judentum · 1915-03-01 · Heft 3-4 (März 1915) · p. Seite 34

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 3-4 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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34 Ar. M«X Freudenthal: Nrligiansgefchichtliche Betrachtungen zuw Kriege steckung dünkt, die von Deutschland aus zu ihnen hinübergegriffen habe. Wir können leßder nicht abstreiten, daß an dieser Anschauung etwas Wahres ist, und die Gefühle dieser französischen Elsässer sind mir ganz besonders durch einen Ausspruch begreiflich geworden, den ich einmal zur Zeit der antisemitischen Hochflut von einem deutschelsässischen Glaubensbruder vernahm, und der mich damals tief erschütterte: „Als wir noch zu Frankreich gehörten", so sagte er, „waren wir Franzosen; seitdem wir zu Deutschland gehören, sind wir Juden!". Wenn ich neben dieses . Wort, das mir unvergeßlich geblieben ist, heute die einfache Tatsache stelle, daß Igleich in den ersten Miegswochen der Unteroffizier der Reserve Andre Ruff, Sohn des Herrn Baruch Ruff aus. Mülhausen im Elsaß, wegen hervorragender Tapferkeit unter Beförderung zum Feldwebelleutnant das Eiserne Meuz 1. Masse erhielt, nachdem er das EiserneMeuz 2. Masse bereits vorher sich erobert hatte, so legt diese Zusammenstellung mehr als alle Beweise der Welt Zeugnis davon ab, wie deutsche Juden trotz alledem und alledem eisern ihre Pflicht fürs Vaterland zu erfüllen wissen. Sie leitet -aber auch ganz von selber zu der letzten Frage über, die ich besprechlen möchte, weil auch sie unsere Empfindungen in diesen ernsten Tagen fortwährend berührt:' Wird die große Zeit, die uns allesamt in Deutschland einmütig ohne Unterschied der Parteien-und Konfessionen auf dem Kosten erwiesen hat, endlich auch den Schandfleck des Antisemitismus von dem erhabenen Bilde unseres deutschen Vaterlandes dauernd verschwinden lassen? Wird sie dazu führen, daß auch auf diesem Gebiete der religiösen Toleranz und Humanität das deutsche Volk in der ganzen Welt die Ehre Und Achtung nicht bloß einer Mlturnation, sondern d eir Mlturnation genießen wird, der Rulturnation, deren Mlturerrungenschaften der-gesamten Menschheit ohne Unterschied zum Segen und . zum Ansporn werden können? Und wird man im deutschen Reiche selber, wenn der Staat erst wieder im Frieden zum Dienste rufen wird, nach all den furchtbaren Strömen Blutes, die ohne Unterschied aus den Heldenleibern christlicher wie jüdischer Soldaten geflossen sind, sich endlich der Worte von Gabriel R i e ße r erinnern, die er in feiner Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden schon vor 80 Jahren niedergeschrieben: „Es gibt nur eine Taufe, die zur Nationalität einigt: das ist die Taufe des Bluts in dem gemeinsamen Kampf für Freiheit und Vaterland. „Ihr Blut hat sich mit dem unsrigen auf den Schlachtfeldern vermischt", das war das Machtwort, womit man in der französischen Kammer die letzten ohnmächtigen Regungen von Unduldsamkeit und Abneigung zu Boden, schlug. Auch die deutschen Juden haben sich diesen vollgültigen Anspruch auf Nationalität vollgütig erworben."*) Aufs neue erworben, dürfen wir jetzt, schon zum zweitenmale seitdem, hinzusetzen! Rießer dachte damals an 1813/14, wi r aber denken auch an 1870/7\ und werden 1914/15 gewiß nicht aus dem Gedächtnis mehr verlieren! Ls gibt darum zahlreiche Meise unter uns, für welche die Erfüllung diefes unseres Herzenswunsches — keinerlei Zurücksetzung auch in Friedenszeiten mehr — jetzt ganz selbstverständlich gewiß und gesichert scheint. . Das ist ein Optimismus, der mjt zum jüdischen Wesen gehört, und ohne den wir alle Enttäuschungen, die uns die Weltgeschichte schon so oft bereitet hat, sicherlich nie überwunden hätten. Wir hoffen immer: wenn nicht. diesmal, so doch das nächste Mal; so wie der fromme Hausvater an jedem Sederabende spricht: „Das nächste Jahr in Jerusalem!" Unsere Religionsgeschichte, von der wir bei allen unseren *) Ges. Schriften Vd. II. 152.

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