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Liberales Judentum · 1915-03-01 · Heft 3-4 (März 1915) · p. Seite 32

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 3-4 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 Ar. Mas Freudenthat: Netrgionsgeschichtliche Setrachtange« zum Kriege mit aller Absicht in die allererste Front jedesmal gestellt — zum Kampfe angetrieben werden, gegen uns, denen sie so unendlich viel zu danken haben, und angetrieben von Männern, die auch in Friedenszeiten oft genug nicht viel mehr als Knute und Revolver für sie übrig haben! Wenn sie noch dazu wüßten, was hinter der Front vorgeht: die furchtbarsten Grausamkeiten der Kosaken in den von ihnen besetzten Feindesgebieten gerade gegen die jüdische Bevölkerung, daheim in Rußland Pogrome gegen die Zurückgebliebenen und wie zur Zeit des russisch-japanischen Krieges, so auch diesmal wieder das Allerschändlichste, daß die Frauen und Kinder der im Felde stehenden jüdischen Soldaten das Wohnrecht daheim verlieren, weil es an die Person des Familienvaters geknüpft und dieser ja jetzt nicht zuhause ist! Uns bricht das Herz, wenn uns solche Dinge trotz aller von Rußland geübten strengen Zensur in furchtbaren Berichten über des Zaren „liebe Juden" zugetragen werden. Und was sagen unsere Brüder in England dazu? Was haben sie geantwortet, als der kommandierende russische Großfürst höhnisch erklärte, seine Kosaken brauchten sich in dem Vergnügen, zu ihrer jeweiligen Erholung ein paar Juden die Schädel einzuschlagen, durch das Geschrei der londoner Synagoge durchaus nicht stören zu lassen! Herr Israel Zangwill hat, wie es scheint, diese Antwort geben wollen, als er seinen berüchtigten Aufruf an die Juden der neutralen Länder, besonders an die Juden in Amerika erließ und sie aufforderte, lieber mit Rußland als mit Deutschland zu sympathisieren. Dieser Aufruf kann von uns Juden selber gar nicht tief genug gehängt werden.*) Man könnte *) Lr lautet in Uebersetzung: Obgleich der ungeheuerlichste Krieg menschlicher Geschichte made in Germany ist, und obgleich Deutschlands Verhalten im es für unmögliche und undenkbar halten, daß ein Jude, ein bekannter jüdischer Schriftsteller, ein einstiger Führer des Zionismus, wirklich derartiges geschrieben haben soll, wenn nicht schon einmal ein jüdischer Führer und Schriftsteller mit dem nicht unbekannten Namen Flavius Josephus von der Geschichte als Ueberläufer und Verräter in kriegerischer Zeit gebrandmarkt worden wäre! Die amerikanische Presse ist denn auch Herrn Zangwill an kräftigen brandmarkenden Antworten nichts schuldig geblieben. Aber wir würden wahrlich auch unseren englischen Glaubensbrüdern Unrecht tun, wenn wir.sie für seines Geistes Genossen halten wollten. Sie gehören sicherlich Kriege so barbarisch ist wie seine Gemütsverfassung im Frieden, so bemerke ichzu meinem Bedauern, daß ein Teil der Iudenheit in Amerika und anderen neutralen Ländern Großbritannien und seinen Verbündeten s eine Sympathien vorzuenthalten scheint. Insoweit diese Juden von Geburt deutsch sind, ist ihr Empfinden für Deutschland so verständlich wie das meine für England. Insoweit sie aber durch die Rücksichtnahme auf die Interessen der russischen Juden beeinflußt sind, denen Deutschland und Oesterreich dje Gleichberechtigung .anbieten, muß ich ihnen sagen, daß es besser ist, wenn die jüdische Minderheit fortfährt zu leiden, und daß ich wejit eher meine eigenen Rechte als englischer Staatsbürger verlieren möchte, als daß das große Interesse der Zivilisation unter dem Triumph des preußischen Militarismus untergehen sollte. Indem ich dies sage, spreche ich nicht als.britischer, sondern als Weltpatriot, voll Verstimmung und Abscheu vor dem unmenschlichen Ideal des gotischen Uebermenschen. Ich sehe wohl, daß Deutschlands Preßagentur Deutschland als den Hüter der Zivilisation malt und als einen Engel im Verzweiflungskampf gegen die aus Afrika und Asien eingeführten Horden von Wilden.

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