Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Mas FreudenthaL: Religionsgeschichtliche Krtrachtungrn zum Kriege 31 gesamten Judentums in der Welt zur modernen Kultur und Bildung, der Regenerator der bereits dem Erlöschen nahe gebrachten jüdischen Lebenskräfte, war in Deutschland erstanden und könnt-? nur in Deutschland erstehen, und die moderne Kultur und Bildung und Sprache, zu der er die Juden hinführt-, war und konnte wiederum nur die deutsche sein! Wir mußten in den letzten Jahrzehnten, in denen durch das .Aufblühen des Antisemitismus in Deutschland dies eigenartige kulturhistorische Bild seine recht unschöne Trübung erhielt, den Angriffen unserer inneren Gegner gegenüber so oft und so stark hervorheben, was Deutschland umgekehrt alles den Juden zu verdanken hat, und wie unser deutsches Vaterland ohne sie in seiner geistigen und materiellen Aufblüte einfach undenkbar ist und unmöglich sein würde. Erinnern wir uns nur der formschönen und inhaltlich treffenden Ausführungen, die Prof. Goldstein auf der Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden zu Berlin darüber gegeben hat! In diesen ernsten Zeiten aber, in.denen jene gegnerischen Angriffe bis auf die Schamlosigkeiten einiger weniger ganz charakterloser Hetzer eingestellt sind und die sonstigen Gegensätze sich in der Gemeinschaft des Blutes auf den Schlachtfeldern und der Dpferwilligkeit zuhause aufgelöst haben, dürfen wir auch einmal ebenso offen und frei die Kehrseite des Bildes enthüllen, dürfen aussprechen, wie viel auch wir Juden dem deutschen Vaterland zu danken haben, dürfen bekunden, daß die Verteidigung.der deutschen Kultur, die in diesem Weltkrieg mjt auf dem Spiele steht, für uns Juden nicht bloß um der vaterländischen, sondern auch um unserer eigenen R e l i g i o n s geschichte willen eine heilige Pflicht ist, Dies aber um so mehr/ als selbst diejenigen unserer Glaubensbrüder, die in den gegnerischen Leeren, sei es freiwillig, sei es gezwungen wider uns Deutsch? die Waffen führen, diese Bedeutung der deutschen Kultur für das Gesamtjud entum nicht leugnen, ihren Zusammenhang damit nicht aus ihrem Kerzen reißen und selbst ihre Sympathien für uns unmöglich auf einmal deshalb unterdrücken können, weil der Zar und Lerr Grev es so wünschen. Am allerwenigsten ist das möglich bei unseren Brüdern im r u s s i s ch e n Leere, und kein Mensch in der ganzen Welt wird darüber irgendwie verwundert fein. Die polnisch-russischen Juden sind ja bekanntlich ihrem Ursprung nach deutsche Juden, aus Deutschland im Mittelalter in diese Länder eingewändert und in ihrem Jargon, einem kauderwelschen Deutsch, wie in zahllosen Sitten und Gebräuchen, die sie aus der alten Leimat mit in die neue hinübergenommen hatten, ihr treu geblieben. Die Kluft ist natürlich im Laufe der Jahrhunderte und unter dem Einfluß der äußeren Verhältnisse eine größere geworden; aber der Zusammenhang hat nie aufgehört, und zwei Umstände haben wieder starke Brücken herüber und hinüber schlagen helfen. Die Aufklärungs- und LmanzipationBperiode der deutschen Juden nach Mendelssohn brandete mit starken Wellen auch zu den östlichenVriDern hinüber/und seitdem nochsdckzudie deutschen Iudep in den letzten Jahrzehnten die Führungen allen Lilfsaktionen übernahmen, die bei der ständigzunehmenden Knutung dieser unglücklichsten unter unseren Glaubensgenossen immer und immer wieder einsetzen mußten, zuletzt sogar dauernde wurden, seitdem hat Deutschland erst recht für die östlichen Juden in politischen, sozialen und kulturellen Dingen einen Nimbus gewonnen, der den Tatsachen in dieser idealen Weise durchaus nicht immer entspricht, aber aus dem Gegensatz' der Verhältnisse hier und dort sehr wohl begreiflich erscheint. Wie muß es da unseren Brüdern im russischen Leere zu Mute sein, wenn sie gegen uns — und zwar