Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Ar. Mar Frrudrnthat: Religionsgeschichtliche Setrachtungen?um Kriege beide darin begegnen, daß sie sich am gllertiefsten mit ihren Liedern in ' die deutsche Volksseele hineingesungen haben. Ls ist schon sicher etwas Mahres daran, daK hier ein gemeinsamer, in der .Tiefe der Seele gelagerter Stimmungsboden vorhanden ist, der aus mehr als so allgemein menschlicher Art gezimmert ist, der in Freud und Leid dieselben starken sittlichen und religiösen Empfindungsschwingungen in Bewegung setzt und darum auch in dieser, ernsten Zeit uns allen dieselben heiligen Gefühle unterschiedslos zu eigen gibt: hier die feine Reizbarkeit für Sittlichkeit, Kultur und Recht, dort die heißen Ausbrüche der Vaterlandsliebe und den eisernen Zusammenhalt, dem kein freiwilliges Opfer an Gut und Blut zu groß und zu schwer ist. Uns deutsche Juden ketten aber auch noch andere 'Erwägungen kulturhistoris che r Art an unser deutsches Vaterland, Erwägungen, die sich dem Renner der jüdischen Geschichte angesichts der vereinigten Gegner draußen, mit denen wir zu kämpfen haben, ganz besonders aufdrängen. Die' Geschichte der Juden in Deutschland während des langen Mittelalters unterscheidet sich zwar nicht zu ihrem Vorteil von der der anderen Länder. Sie ist im Gegenteil fast noch reicher an Leiden und grausamen Anschuldigungen und sicher viel ärmer an geistigem und sozialem bsochstand als anderswo. Aber eines tritt in ihr auffällig hervor. Die Juden hatten in Deutschland dauernd und ohne Un t e r b r e chung all die Jahrhunderte hindurch — es sind sogar schon zwei Jahrrau sende! — ihren Mohnsitz, während sie aus den anderen europäischen Ländern zu irgend einer Zeit .ein für allemal verjagt würden und erst nach' langen Jahrhunderten wieder zurückkehren durften. Das einzigemal, da die Juden Deutschlands sich zu einer Gesamtauswanderung infolge der unerträglichen Leidenszeit entschlossen hatten, wurde sie sogar durch den Kaiser Rudolf von bsabsburg verhindert und der Anführer, der berühmte R. Meir von Röthenburg, ins Gefängnis gesetzt. Dje Kontinuität des Zusammenhangs zwischen Zuden und Deutschen war nie unterbrochen, so wie es z. B, in England und Frankreich der Fall war, und dieser Umstand konnte bewirken, daß deutsche Sprache, deutsche Sitte, deutscher außerkirchlicher, ja oft sogar kirchlicher Brauch sich unablösbar mit dem jüdischen Leben verband, daß sogar diejenigen Juden, die einzeln aus Deutschland in die anderen Länder Hinauswanderten, alles dies als unveräußerliches Erbteil mit in.die Fremde nahmen und somit zu Trägern, Stützen und Ausbreitern des Deutschtums draußen außerhalb des Reiches wurden. Sicherlich hängt es auch in der Tiefe mit mit allen diesen Erscheinungen zusammen, daß Deutschland dasjenige Land war, in welchem die Forderung der Duldsamkeit und Humanität gegen die Zuden im modernen Sinne zu allererst ihre literarische Vertretung fand. R e u ch l i n und Lessing, zwar durch Jahrhunderte getrennt, waren die ersten, die in ihren Schriften offen für -die Juden eintraten und die Vorurteile gegen sie bekämpften, und wenn es auch, wie immer in Deutschland, erst kräftiger Stöße von außen, so hier der französischen Revolutionen bedurfte, diese Theorie in die Praxis umzusetzen, so ist und bleibt es für uns deutsche Juden doch' ein erhebendes Gefühl, daß wir diesen beiden großen deutschen Geistern vom jüdischen Standpunkt aus noch stärkere und dankbarere Anerkennung und Huldigung darbringen dürfen als alle anderen Bürger im deutschen Vaterlande. Und Lessing zu nennen, ohne Rioses Mendelssohns zu gedenken, das ist uns deutschen Juden gewiß nicht möglich. Moses Mendelssohn, der edelste T>'pus der Verschmelzung von Judentum und Deutschtum in gleichen Teilen, er, der Miedererwecker des