Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar Mar Freudenthal: Religionsgeschichtliche Setrachtungen zum Kriege 29 inird? religiöse Erziehung und Gewöhnung über all' dies Heidentum hinausgewachsen sind. Das ist aber kein Zufall, daß der deutsche Geist und der jüdische .Geist in solchen Empfindungen so stark Zusammentreffen, sondern hat schon seine guten, tieferen Ursachen und macht es aus ihnen heraus um so erklärlicher, warum gerade wir deutschen Juden mit allen Fasern unseres Herzens mit unserem deutschen Vaterland verkettet sind. Scheint es doch so, als ob die religiösen und sittlichen Strebungen der Bibel überhaupt im deutschen Volksempfinden einen besonderen Resonanzboden gefunden hätten. Man hat die Juden und ebenso auch die Deutschen ein Volk der Religion genannt, und unzweifelhaft ist den einen wie den andern eine hervorstechende religiöse Begabung zuteil geworden. Sonst hätten jene nicht die Bibel, die Propheten, die psalmisten, die Religionsphilosophen, diese nicht die Scholastiker, Mystiker und Reformatoren hervorgebracht. Auch die lebhaften religiösen Bewegungen aller Art, die gerade in Deutschland andauernd bei allen Konfessionen ohne Unterschied herrschen, sind eine Aeußerung dieser gemeinschaftlichen seelischen Griundstimmung und zugleich ein Zeichen des Ringens nach einer ernsteren Vertiefung und Verinnerlichung des religiösen Lebens. Sie räumen dem deutschen Juden wie dem deutschen Christen seine ganz besondere, typische Stellung in der Geschichte seiner Kirchen ein. Das Studium der Bibel, besonders des Alten Testaments, hatte in Deutschland von jeher seine klassische Stätte. Man braucht nur an die bedeutsamen Bibelübersetzungen zu erinnern, die in Deutschland entstanden sind, an die mächtigen Impulse, die das Studium der Bibel zur Zeit des Humanismus erhielt, als die deutschen Humanisten von Juden sich in der Kenntnis des hebräischen Bibeltertes unterweisen ließen, an das gewaltige Aufblühen der Grient- und Bibelforschung in unserer Zeit dank der Tätigkeit deutscher Theologen und Orientalisten. Das Alte Testament fand in Wort und Geist jn der deutschen Volksseele durch die Luth ersehe Bibelübersetzung willigsten Eingang. Es ist nicht bloß anerkannten Literaten schon so ergangen, daß sie ahnungslos alttestamentarische Stücke, die ihnen aus der Lutherbibel bekannt geworden waren, als aus echt deutscher Volksseele geschöpft erklärten; jeder von uns kann tausendfach die Probe darauf machen, wie zahllose Gedanken und Worte des Alten Testaments dem deutschen Volke so geläufig geworden sind, daß ihr Ursprung aus der jüdischen Bibel ihm völlig entschwunden ist und sie ihm als gut deutschen Ursprungs erscheinen. Es ist mir selbst schon oft genug vorgekommen, daß gebildete Ehristen, die jüdischen predigten oder Kultushandlungen beiwohnten und biblische Wendungen hörten, ihrem höchst naiven Erstaunen darüber Ausdruck gaben, daß wir Juden dieselben Bibelsätze haben wie sie; es soll sogar Juden geben, die solche Sätze nur aus der deutschen Literatur und nicht aus der jüdischen Bibel kennen! Da ist es nicht verwunderlich, wenn die herrlichen Ideale des Weltbürgertums, der reinen Humanität und des sittlichen und geistigen Aufschwungs der Menschheit, Ideale, wie sie von den großen deutschen Dichtern und Denkern gepredigt wurden, sich im Grunde genommen mit dem decken, was die Propheten Israels verkündet und erstrebt haben, und ebensowenig kann es in Erstaunen setzen, daß alle diese deutschen Meister oft genug zu allererst ihr Verständnis, ihre Verbreitung und ihre Huldigung durch Juden gefunden haben. Auch darauf endlich sei noch hingewiesen, daß zwei so verschiedenartige Gestalten wie Goethe und Seine, von gewissen Literaten der eine in seiner Größe als der Typus des Ariers, der andere in seinen Unarten als der des S.emiten gezeichnet, sich doch