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Liberales Judentum · 1915-03-01 · Heft 3-4 (März 1915) · p. Seite 27

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 3-4 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Ar. MüX Freudenthal: Religionsgrschrchtliche Krtrachtungen zum Kriege 27 jene ferne große Zukunft, von der ein jeder Krieg auf Erden uns entfernt, statt 'uns ihr nahe zu bringen, von der dieser Krieg gar uns eine so unendliche Wegstrecke zurücktreibt, daß wir schaudernd alles, was uns bis dahin heilig war, in -viel weitere Ferne als je zuvor gerückt sehen. Und dieser Schauder . vor dem Kriege wird selbst durch all das wirkl ich 'Große und Erhabene nicht gemildert, das wir in dieser ernsten Zeit in unserem deutschen vaterlande miterleben durfte,i, und das u n s st o l z s e i n l ä ß t, lebendige Zeugen dieser gewaltigen, einmütigen, opferwilligen und f r o h b e g e i st e r te n Erheb u n g gewesen zu sein. Aber wir meinen, daß solcher erhebender Aufschwung der Seelen, der Geister und der Gerzen, wie wir ihn an uns allen im Vaterland von Hoch bis Niedrig, von Alt bis Jung erfahren haben, auch auf dem Wege friedlicher, sittlicher und religiöser Entwicklung unter den Menschen erreicht werden könnte, und die Geschichte Israels dünkt uns ein unwiderleglicher Beweis für solche Meinung. Denn sie ist seit dem Untergang des jüdischen Staates eine reine Geistesgeschichte geworden, die aller eigenen nationalen Politik fernblieb und trotzdem eine solche Ueberfülle gewaltiger idealer Erhebung aufweist, daß sie gegen die so oft gepredigte Notwendigkeit kriegerischer Verwickelungen allzu beredtes Zeugnis ablegt. Zn den Zeiten freilich, da der jüdische Staat bestand, hat es bekanntlich trotz aller prophetischen Ideale an solchen Kriegsereignissen ebensowenig gefehlt wie bei den modernen Staaten trotz aller Kulturhöhe. Die Bibel ist auf vielen ihrer Blätter xoll von Kriegsgeschrei und behandelt diese Dinge offen und ehrlich, ohne jede falsche Sentimentalität, wie auch wir heute solche Sentimentalität angesichts der ungeheuren Verantwortung, die der Krieg für unser Vaterland mit sich gebracht hat, ebensowenig kennen dürfen. Die heilige Schrift läßt nicht bloß den Kriegsbann mit der Schärfe des Schwertes androhen, sondern berichtet oft genug von seiner grausamsten Ausführung, die mit völliger Vernichtung des ganzen feindlichen Stammes endet: Und die Heldentaten, von denen sie erzählt, finden ihre glänzende Fortsetzung in den nachbiblischen Zeiten durch die Makkabäertage hindurch bis zu den furchtbaren Kämpfen mit Rom, in denen die jüdische Nation ihren über alle Maßen heldenmütigen Untergang findet. Das waren reale, allen religiösen Idealen gegensätzliche Verhältnisse; die Religion mußte also auch zu ihnen irgendwie Stellung nehmen. Sie hat es getan und konnte es tun, weil das Judentum stets eine Religion des Lebens bilden und ihre Himmelsleiter allezeit auf dem festen Erdboden aufsetzen wollte. Betrachten wir aber alles, was Krieg und Kampf in der Bibel und im Volksleben Israels angeht, so ist es unverkennbar, wie unsere Religion, wie auf anderen Gebieten, so auch hierbei eine Umwandlung der aus der heidnischen Umwelt überkommenen Anschauungen zu vollziehen sich bemüht. Die Bibel zeigt auf der einen Seite deutlich die altheidnische Strömung, die im Feind nur den verhaßten Gegner sieht, der schonungslos vernichtet werden muß. Selbst in den Psalmen findet sich hier und da noch ein solcher Aufschrei heidnischer Wut: „Tochter Babels, du Verwüsterin, Heil dem, der dir vergilt, der packt und zerschmettert deine Kindlein an den Felsen!" So der Schluß eines psalmes, der uns sonst mit seinem ergreifenden Inhalt: „An den Strömen Babels saßen wir und weinten", als einer der köstlichsten der ganzen Sammlung zu gut bekannt ist! Dazwischen aber sind die tiefen

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