Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Ar. Mar Frerideuthal: Neligronsgeschrchtliche Setrachtnngerr xum Kriege es waren, die zum erstenmal der Menschheit das hohe Ideal des Friedens gezeichnet haben. Selbst wenn nichts von den Propheten uns erhalten geblieben wäre — und es ist uns ja vieles von ihnen und über sie verloren gegangen —, als jene berühmten Schilderungen der messianischen Friedenszeit auf Erden, ihr Name wäre dadurch allein unsterblich geworden. „Einst werden die Völker umschmieden ihre Schwerter in Sicheln und ihre Ganzen in Rebenmesser, ein Volk wird gegen das andere nicht mehr das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr den Krieg erlernen!" Das sind Worte, die ewig unauslöschlich in die Tafeln der Menschheit eingegraben bleiben. Für den Propheten Jesaja, der sie zuerst ausgesprochen, schien das gar keine so ferne Zukunft. Er malte sie sich ganz nahe unter dem damals regierenden Könige oder wenigstens unter dessen Nachfolgern aus und lud bereits die Völker alle zum Friedensschmause auf den Zionsberg ein, „zu einem Gelage von fetten Speisen, die mit Mark zubereitet, und zu einem Trunk von Lsefenweinen, die fein abgelagert sein würden". Zur Veranstaltung dieses leckeren, echt jüdischen Mahles ist es freilich nicht gekommen, und es bleibt uns also auch diese verlockende materielle Aussicht noch bestehen! Aber weit schmerzlicher ist es für 'uns, daß die ideale Aussicht, die er der Menschheit eröffnet, durch jeden Krieg und ganz besonders durch einen solchen Weltkrieg, wie wir ihn jetzt mitmachen, wieder um ein beträchtliches Stück der Menschheitsgeschichte hinausgeschoben wird. Und doch wird es wohl keinem von uns beikommen, dies Ideal als wertlose und absolut unerfüllbare Utopie beiseite zu legen. Im Gegenteil, wenn irgend etwas, so wird gerade dieser Krieg, wie er mit allen seinen inneren Unmöglichkeiten von unseren Gegnern angezettelt ward und mit allen seinen äußeren Schändlichkeiten von ihnen geführt wird, die Ueberzeugung in uns festigen, daß jenes Zukunftsideal des messianischen Friedens das höchste und heiligste bleibt, das es für die weitere Entwicklung der Weltgeschichte nur geben kann, und daß es gerade von den K u l t u rnationen gehütet und gewahrt werden muß als kostbares Gottesgeschenk, ohne dessen Bestand auch der Kultur fort sch ritt wertlos, ja sinnlos erscheint. Wir Juden können dies Friedensideal überhaupt nicht preisgeben; wir sind alle Pazifisten, nicht bloß aus unserer geschichtlichen Entwicklung heraus, die uns gebietet mit allen Menschen in Frieden zu leben, sondern von Natur und Religion aus, und darum bildet auch die messianifche Friedensidee nicht etwa die idealisierte Ausgestaltung eines vereinzelten Gedankens in unserem Religions- und Anschauungssystem, sondern den Endpunkt aller unserer Glaubenslehren. Unsere Religion besitzt nur drei solcher Grundlehren, und sie fordern allesamt als logische Konsequenz die Friedensidee des Jesaja. Wir glauben an den einen heiligen Gott; aber der eine Gott, das Urbild und Vorbild des einen Sittlich-Guten, fordert, daß einst alle Menschen friedlich in ihm 'und in dem einen Guten, das er gebietet, sich zusammenfinden. Wir glauben an die gottgegebene reine Menschenseele; das führt zur Anerkennung aller Menschen als gottentsprungener Kinder und zur Förderung ihres brüderlichen Zusammenhalts. wir glauben endlich an eine Offenbarung im Geiste der Menschen; aber Offenbarung ist niemals nur für einen Menschen oder für ein Volk bestimmt, sondern muß friedliches Gemeingut aller werden, von welchen: Gesichtspunkt aus wir auch die Anschauungen prüfen, in denen wir durch Blut und Erziehung leben und weben, immer trifft unser Auge zuletzt auf