Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o O 0 Krnrirtte Fürth: Arr Krieg und die Mischen Frauen 21 erstreckt sich diese, wie ich gleich sagen will, falsche Sparsamkeit über alles, einschließlich der Kleidung. Dieser Standpunkt ist in allen den Fällen, in denen er von Begüterten eingenommen wird, nicht nur falsch, er ist auch unpatriotisch und volksfeindlich. Die wichtigste Sorge der Daheimgebliebenen ist und hat zu sein neben der Abwehr der unmittelbaren Not, die möglichst ungestörte Aufrechterhaltung des gesamten Wirtschaftslebens. Ich sage die möglichst ungestörte Aufrechterhaltung, weiß aber als alte Volkswirtschaftlerin sehr wohl, wie eng begrenzt diese Möglichkeit ist. Deutschland ist groß geworden durch seiner Hände und seines Geistes Arbeit. Deutschlands Industrieprodukte gehen über die ganze Welt, Heute ist uns dieser Weltmarkt verschlossen, und die Aufnahmefähigkeit des inneren Marktes ist durch das Feiern so vieler Hände gewaltig herabgesetzt. Unter diesen Umständen wird es geradezu zur sittlichen Pflicht der Besitzenden, ihren Bedarf nicht einzuschränken, sondern wenn sie es können, ihn noch auszudehnen. Arbeit geben, Brot geben: das ist tausendmal besser als Almosen austeilen. Das sollen, das müssen die Besitzenden berücksichtigen. Die Frauen, die das angeht, und die sonst vielleicht nach Paris gereist sind, um ihre .Toilettebedürfnisse zu befriedigen, die sollen sich nicht alte Toiletten aufarbeiten, sondern sie sollen sich, so wie sie es gewohnt sind, ihre Kleider anfertigen lassen und sich freuen, daß sie in der Lage sind, auch von dieser Seite cher dazu beizutragen, daß unser Volk wirtschaftlich stark und sittlich unangetastet bleibe. Almosenempfangen würdigt herab, Lohn für Leistung zu empfangen adelt. — Aber nicht nur mit unserer materiellen Hilfeleistung, sondern auch mit uyserer ideellen Hilfe in Dingen der Geistes- und der Gemütsbildung sollen wir an unsere Mitmenschen heranzukommen und so viel Licht wie möglich in diese dunklen Tage zu tragen suchen. Daß wir neben der Speise des Leibes auch die des Geistes und des Gemütes .für all die bereit halten, die ihrer heute mehr als je bedürfen. Da sind Tausende und aber Tausende von kaufmännischen eingestellten, von Arbeiterinnen, Hausangestellten etc. So viele von ihnen sind nicht nur mittel- und muk-, sie sind auch völlig haltlos. Früher hatten sie ihre tägliche Arbeit. Abends und am Sonntag lockte sie der leichte Genuß der Stunde. Nun wissen sie nicht aus noch ein und nun ist der rechte Augenblick, an sie heranzukommen, ihnen nicht nur leiblich, sondern auch geistig zu helfen, ihnen ungeahnte geistige Horizonte und Gemütswelten von unerwarteter Fülle zu erschließen. Hier kann der Grund gelegt werden zu einer neuen und wurzelechten Sittlichkeit unseres -Volkstums, zu einer standfesten Kultur, die von den Frauen ausgehend ihre sittigenden und emporweisenden Einflüsse allüberall geltend macht. Das kann im Anschluß an die Arbeit in den Bezirksstellen, in den Tagesheimen und Aufenthaltsstätten der verschiedensten Art geschehen. Da kann man alle diese Menschen durch kleine Vorträge, Erläuterung der Tagesereignisse, durch Vorlesen geeigneter Teile aus guten Schriftstellern zu interessieren und zu bilden suchen, sie zu höherer Lebensauffassung, zu einer besseren Wertschätzung der von Zeit und Rost unabhängigen geistigen Lebensgüter emxorführen. All diesen Bestrebungen und Vollführungen darf aber auch das Licht der Freude nicht fehlen. So schwer es uns auch werden mag, so sehr wir auch selbst von dem Ernst der Zeit umdüstert sein mögen: wir müssen das niederzwingen. Wir müssen uns gegenwär-