Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3126481-3126538-3126540--1908-3128739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20 Kenriettr Fürth: Arr Krieg und die jüdischen Frauen sittlichen Besitz als ein deutsches Sondergut verwalten und ihn, abgeschlossen von allen andern, nur für uns nutzbar machen, Wir sind reich genug, um verschwenderisch sein zu können. Groß genug, um auch das Fremde neidlos anzuerkennen. Shakespeare wird uns allezeit Shakespeare bleiben, und wenn wir heute einen Verhaeren ablehnen, so nicht, weil er ein Belgier ist, sondern weil ein Mensch von solcher Prägung uns der uns nachgesagten Verbrechen und Scheußlichkeiten für fähig halten konnte. Heute freilich, inmitten der Wirren und Erschütterungen des Krieges, ist es unmöglich, sich ein Bild von dem zu machen, was von der Trümmerstätte der internationalen Kultur noch brauchbar genug ist, um einst als Baustein neuen kulturellen Einvernehmens der Völker verwandt zu werden. Aber kommen wird und muß ein solches Einvernehmen. Der Geist und die Wissenschaft kann an den Grenzen der Länder nicht halt machen. Sie sind weltumspannend, oder sie sind nicht. So getrösten wir uns, daß eines hoffentlich nicht allzufernen Tages, neues Leben auch aus diesen Ruinen emporblühen werde. Wir .getrösten uns dessen und hoffen zuversichtlich, daß Deutschlands Seelengröße es sein wird, die dem besiegten Gegner die Eintrachtsbrücke baut und daß Deutschlands Kultur die Welt bereichere, wie sie es von je getan hat. Wir müssen heute schon, inmitten der Kriegswirren anfangen, uns auf diese Aufgabe vorzubereiten. Aber nicht in dem chauvinistischen Sinne, der übereifrig das fremde Kunstwerk am liebsten ausmerzen .Möchte und auf jedes Fremdwort Jagd macht, als gälte es einem gefährlichen Schädling. Wir sind doch heute schon groß genug, um demütig sein zu können, gereift genug, den fremden Einfluß nicht fürchten Zu müssen, stark genug, das gute Fremde in uns aufzunehmen und es uns so einzuverleiben, daß es ein Teil unseres Eigenen, daß es Eigenbesitz wird. - Die Sprache ist ein Lebendiges, das von allen Seiten her neue Nahrung an sich zieht (wir könnten heute kriegsmäßig sagen: das fremde Wörter nach Bedarf requiriert) und dadurch nur reicher wird. Wir sind weiter auch stark genug, die plötzliche Abkehrung von allem Fremdländischen, wie z. B. die Schaffung einer sogenannten deutschen Mode in diesem Kriegsaugenblick' gar nicht nötig zu haben. Es ist gewiß gut und begrüßenswert, daß man fertig ist mit dem uns Deutschen mit Recht vorgeworfenen Anlehnungs- und Nachlahmungsbedürfnis. Ja, wir wollen einen deutschen Stil schaffen, wie es der Jude Messel für die Architektur mit so viel Erfolg angestrebt hat. Linen deutschen Baustil in Außen- und Innenarchitektur, einen deutschen Kunstgeschmack und' auch eine deutsche Mode. Aber nicht gewaltsam. Aber nicht von heute auf morgen. Als ein Organisches soll das aus der Ganzheit und Fülle unseres Volkes hervorgewachsen, und der Krieg, der die Geister aufgerüttelt und die Kerzen erschüttert hat, soll uns zum willkommnen Antrieb werden, daß wir diese deutsche Kunst, diese deutsche Kultur und Lebensführung uns in allen Stücken und Stück um Stück erschaffen und erarbeiten. Und nun habe ich im Zusammenhang mit der Mode noch ein besonderes Wort an die Frauen zu richten. Es gibt manche unter den Frauen, die von den Kriegsfolgen in materieller Einsicht ganz und gar nicht betroffen werden, die es aber doch für ihre vaterländisch Pflicht halten, in diesen ernsten Tagen so sparsam wie -möglich zu leben und zu wirtschaften. Von dey Nahrungsmitteln angefangen (bei denen heute freilich Sparsamkeit geboten ist)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.