Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126538-3126540--1901-3128732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o o 6 Aus Feldpostbriefen jüdischer Soldaten 13 Augenblicklich erlebe ich Großes: Die Russen fliehen in der Richtung aus Warschau, wir verfolgen sie, ihre Verluste sind gräßlich. Aber ich habe das Mitleid mit diesen Tieren, diesem Serdenvieh, verlernt, wir Deutsche müssen erbarmungslos darauflosschlagen, und das tun wir, Gott sei Dank! Nun ein herzliches Lebewohl! Ich grüße Dich, mein geliebter Gnkel, und die geliebte Tante herzlich und umarme Dich in treuer Liebe. Dein Dich herzlich liebender Neffe Kurt. Bei 5t. Mihiel, 10. Dezember 1914. mein innigst geliebtes Mütterlein! Seute erhielt ich mit großer Freude Deinen Brief vom 3. ds., und obwohl ich beruhigt bin, daß alles wohl zuhause ist, muß ich mich mit Dir, lieb Mütterlein, einmal ganz offen aussprechen, denn aus jedem Deiner Briefe, aus jeder Zeile, die Du mir schreibst, spricht nicht nur die aufopferndste Mutterliebe, sondern noch viel mehr die bangen Sorgen und die quälenden Gedanken, die Du Dir unr mich machst. Und das ist Unrecht. Wohl befinde ich mich in steter Gefahr, wohl kann mich jeden Augenblick das Schicksal erreichen, doch es gibt doch einen Gott, es gibt eine Vorsehung, die über uns waltet, und, Mutterl, ich weiß, daß ich Luch Wiedersehen soll, ich fühle es mit jedem Nerv, und die Erfahrung hat mir mehr wie einmal schon gezeigt, daß eine ganz besondere göttliche Gewalt mich behütet. Auch wenn man zuhause ist, steht man in Gottes Sand. Er ist doch überall. Und sieh doch, liebes Mutterl, für was ich mein Leben aufs Spiel setze! Nicht nur ich, noch viele, viele andere junge Leute! Nicht nur, daß wir unsere geliebte Seimat, den Frieden für unsere Lieben, des Vaterlandes Ehre schützen, 'nein, ich und alle Juden im Seere haben eine größere Aufgabe. Wir müssen die Ehre des Judentums bewahren, müssen den anderen zeigen, daß auch wir einen Begriff von Ehre und Ehrgeiz haben, müssen ihnen zeigen, daß wir Juden auch Männer sind und keine Feiglinge. Dies soll unserm Judentum zugute kommen, damit der Jude von keinem Deutschen mehr verachtet wird und wirkliche Gleichberechtigung erlangt. Ich denke nur an drei Sachen, wenn ich Nächte lang wachend im Schützengraben liege: An Dich und an die Lieben zuhause, an die stille, glückliche Häuslichkeit, die ich schon im .fernen Auslande immer entbehrte und 5xt der mich der Simmel zurückführen wird. An die Jahre des Friedens, die ich in oberflächlichem Glücke verbrachte, an meine herrlichen Reisen, an all die schönen Zeiten, die glücklichen Stunden, die ich schon erlebt. Und wirklich, ich kann nicht sagen, daß mein Lebensweg ein unglücklicher war, nein, ein überglücklicher! Vft denke ich dann an Fehler, die ich unterlassen hätte können, und so zieht im Geiste mein früheres Leben immer und immer wieder an mir vorüber. Ich denke viel, viel hier außen, und ich habe schon vieles bereut, was ich früher getan. Dann denke ich in schwachen Stunden, oh wäre ich doch zuhause, aber sofort sagt mir eine innere Stimme: dumußtaushalten bis zum Aeußersten, das fordert die Ehre. Also bitte, bitte, Mütterlein, sorg' Dich nicht um mich, sei auch Du standhaft, wie eine treue, deutsche Mutter. — Gestern wurde ich vom Kompagnieführer zur Beförderung eingereicht und werde wohl in drei Tagen Vizefeldweb el*) sein. Auch zu einer Auszeichnung (wahrscheinlich das bayerische Verdienstkreuz 2. Klasse) bin ich vorgeschlagen, doch das dauert mindestens 4—6 Wochen, bis es vom Kriegsministerium genehmigt ist. Freut Dich das nicht auch? Also jetzt, liebe Mutter, Kopf hoch und auf Gott vertraut! An chie Lieben nebenan, an alle Brüder und Verwandte innige Grüße und Küsse. Ich umarme Dich im Geiste tausendmal und bin in treuer Liebe stets Dein Sohn _____ * Fritz, *) Der Beförderung des Briefschreibers zum Vizeseldwebel folgte, wie wir unterdessen gehört haben, 4 Wochen später die zum Osfiziersstellvertreter. (D.Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.