Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Aus Feldpostbriefen jüdischer Soldaten Bruß, 5 km w. Lodz, 8. 12. 14. Mein geliebter Gnkel! Gestern wurde ich durch Deine lieben Zeilen und die ausgezeichneten Zigarren aufs freudigste überrascht; ich weiß nicht, was mich mehr erfreut hat, die^guten Zigarren oder Deine herzlich..guten Morte; beides bezeigt mir Dein liebevolles Gedenken, und das tut wohl, besonders in diesen ernsten Zeiten, wo Zusammengehöriges sich aus innerem Bedürfnis enger zu einander findet. Zn Tagen'der Ruhe zogen Meine Gedanken oft zu Dir, mein lieber Gnkel, und zu Dir, meine liebe Tante, und ich erlebte das Schwere mit, daß Luch durch Fritzens Gestellung betraf. Nun höre ich zu meiner großen Freude, daß er bereits zum Unteroffizier ausgebildet wird, und es erscheint mir nicht ausgeschlossen, daß, wenn er sich beeilt, er noch Offizier werden kann. So wird uns Juden endlich Gerechtigkeit widerfahren, und wir sollten nichts scheuen, keine Strapaze und kein Gxfer, um dieses Ziel in würdiger Meise zu erreichen. Ganz so fern bin ich diesem Ziel auch nicht mehr, trotz der Vornehmheit meines Regiments. Und ich muß offen bekennen, daß bei mir das an erster Stelle steht, die glückliche Seimkehr tritt demgegenüber in den Hintergrund, so lebhaft auch Friedenssehnsucht sich manchmal in mir regt. Ich bin unendlich stolz, mitkämpfen .zu dürfen für das geliebte bewunderungswürdige Vaterland und weiß zu jeder Stunde, daß eine besondere Verantwortung auf jedem Juden ruht, immer und immer wieder zu zeigen, daß man bereit ist, sein Leben für tzie deutsche Sache hinzugeben, um dadurch die Gleichwertigkeit des Juden in seiner Liebe für das Vaterland beweisen. Ich erlebe Seltsames in diesem Kriege gerade als deutscher Jude bei der Begegnung mit den polnischen Juden, wie eine andere Art Mensch hebt sich der arme polnische Jude von seiner polnischen Umgebung, den polnischen Bauern, ab. Lr ist nicht Pole wie sie, sondern Deutscher, seiner Sprache nach und seinem ganzen Lmpfinden. Wie ein Wunder wirkte es auf mich, als ich zum erstenmal in eine jüdische Familie unter der verkommenen, verschmutzten polnischen Bauernbevölkerung. geriet. Während die Bauern verstockte Deutschenhasser sind, in tierischer Dumpfheit und ekelhaftem Schmutz leben, drängte sich bei mir bei dem Einblick in das häusliche Lehen der Juden die unabweisliche Erkenntnis auf, daß im Juden etwas Besseres, Edles, ethisch wertvolles lebt, das seinem Familienleben eine gewisse reinigende Kraft und Weihe verleiht, und ich fühlte, daß der Grund hierfür in der Religion der Juden liegt. Die Religion allein unterscheidet den Juden von dem Polen, woher anders als daher könnte dieser allzudeutlich sichtbare Unterschied im Menschentum des Juden von dem Polen kommen, mit dem er doch sonst alle Lebensbedingungen, dieses elende, jammervolle, erbarmungswürdige Dasein teilt. Es rührte inich lief, wie diese Juden ihre Religion ausüben,, in aller Not und Gefahr das von den Vätern überkommene Gebet sprechen, wie allein dje Juden unter den Polen das Haus rein halten und die Frau ehren. Das war „Jire", das war angeborener natürlicher Anstand, hier erlebte ich den Geist des Judentums tzls Religion in seiner wunderbar reinigenden ethischen Kraft, und ich betrachtete es als meine Aufgabe, meine Kameraden auf dieses sichtbare Zeichen besseren Menschentums stets hinzuweisen, um hier, wo alles in der Not des Krieges menschlicher fühlt, für die jüdische Jache zu rvirken, indem ich zunächst einmal mich selbst stets als Jude bekannte und ihnen zugleich die polnischen Juden menschlich näher brachte. So hoffe ich, nicht vergeblich in den Krieg gezogen zu sein.