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Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 10

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Aus Feldpostbriefen jüdischer Soldaten Waffen und ihr Glauben an einen gerechten Gott ist umso echter, als unter dem Druck körperlicher (Dualen der Taumel verfliegt und die Seele ihr Innerstes enthüllt, was von den Aerzten und ihren Helfern geleistet wird, um die Dualen dieser Dulder zu lindern, die blühenden jungen Menschen ihren Angehörigen, dem Volk, womöglich dem Heer, wiederzugeben, ist ein Ruhmesblatt der deutschen Wissenschaft wie des vielgeschmähten militärischen Geistes, und wir Juden dürfen mit Stolz darauf Hinweisen, daß wir zu den Legionen, die das Werk der Barmherzigkeit vollbringen, vom gemeinen Sanitäter bis zum Oberstabsarzt eine unverhältnismäßig hohe Zahl stellen. Mich persönlich versöhnt mit allem Gräßlichem, was ich sah, die Gewißheit, daß ich vielen doch einen Tropfen Balsam auf die Wunde träufeln konnte, und war es nur mit einem Wort. Sin paar freilich sind immer unter den Unglücklichen, denen man auch das nicht einmal geben kann. Ihr Geist ist umnachtet. Sie reden im Fieber von der Schlacht; sie schreien geängstet auf. Dann werden sie mit einem Male still und flüstern zärtlich „Retter". Da weiß ich, die brauchen mich nicht, diesind geborgen. Ss -ist wunderbar, wie der „rauhe Krieger" beim Gedanken ► an die Mutter weich wird. Zn einer Nacht kamen auf wagen Frauen und Rinder durch unser Dorf, die durch -das Feuer ihrer eigenen Landsleute obdachlos geworden wären — es war ein trauriger Zug. Die Lehrersfrau im Dorf bettelte, man möchte doch' ihre greise Mutter, die unter den vielen war, ihr überlassen, es wurde gewährt. Ich übernahm es, den Wagen zur Schule fahren zu lassen und winkte zwei Soldaten, die Alte auf einer Trage ins Saus zu schaffen. Der eine aber nahm ,sie in seine Arme und trug sie behutsam wie ein Rind in die Helle Stube in den Sessel am Ofen. Als ich ihm deswegen dankte, sagte er schlicht: „Sab doch auch ein altes Mütterchen daheim." Die heilige Mutterliebe trägt edelste Frucht; auch das blutigste Sandwerk kann die Liebe zur Mutter nicht auslöschen. Aus der hebräischen Bezeichnung für den mütterlichen Schoß wird das Wort für die göttliche Barmherzigkeit hergeleitet. Weil uns alle eine Mutter gebar, darum kann am Snde nicht der Saß triumphieren. Und kein Rampf ist zu schwer, kein Opfer zu teuer, Wenn sie die barmherzige Menschenliebe zum Siege führen. Aus 5eldpoTfbriefen jüdifcher Soldaten. Rugenblicksbilder aus dem Krieg. (Zn den Argonnen, Oktober 1914.) I. Nächtliche Fahrt. Sin Sechsergespann in scharfem Trab, Ss rattert der eiserne wagen Durch Stoppeläcker bergauf, bergab, Geschosse zum Morde wir tragen. I Des Mondes Sichel zürnt feurigrot, j Und traurig flimmern die Sterne, wir aber tragen den blutigen Tod Zn die dunkelnachtende Ferne. Sat keiner weiter daran gedacht, Ob gut oder bös, rväs wir taten. wir eilen dahin durch die schweigende Nacht, Und um uns zischen Granaten.

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