Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch HL 9 ein Starrkrampf ließ das letzte befürchten. wie ick ihn so daliegen sah, den blutigen Schaum vor dem Munde, die Augen /zur Decke stierend, wollte ich ihn nicht ansprechen, um ihn nicht zu quälen. „Kennen's mich nicht mehr, £jerr pfarrer?" brachte er keuchend hervor.- „Aber freilich kenne ich Sie, lieber Kamerad." Er gab mir zu verstehen, daß ich an seine Frau schreiben solle, wiederholt hatte ich an diese Frau geschrieben und von der fortschreitenden Besserung berichtet, was aber sollte ich ihr nun sagen? <£r diktierte : „Liebe Frau, es geht mir gut", weiter kam er nicht. Natürlich schrieb ich anders, um die Aermste auf das Schmerzliche vorzubereiten. Den Tag darauf, als inan den Tapferen begrub, erhielt ich von seiner Frau einen Brief, sie ahne nichts Gutes, sie wolle zu ihrem Manne, ihn noch einmal zu sehen. Ich versuchte - sie zu tröfteii, wie man das eben in solchen Fällen versucht, ihr Mann sei als Held gestorben, sie werde die göttliche Schickung gewiß nicht minder tapfer tragen wollen. Ls hat etwas Tröstliches, daß denen, die im Lazarett sterben, in der Regel der Todeskampf infolge der vielen Morphiumeinspritzungen, die sie zur Linderung der Schmerzen erhalten, erspart bleibt. Reihenweise werden die Verstorbenen, teils in ihren Uniformen, teils in weißen Linnen, auf dem Kirchhof beigesetzt. Unterführung eines Offiziers gibt ein Zug Soldaten den toten Kameraden das letzte Geleite. Nach einer kurzen Ansprache des Geistlichen wird unter Gebeten der Grabhügel äufgeschichtet, der meist kleine Tannenbäume -und Kränze zun: Schmuck und stets ein hölzernes Kreuz erhält, auf dem zum mindesten die Zahl der Bestatteten verzeichnet steht. Die Deutschengräber von 1870, m Marslatour und andernorts beweisen, daß der Feind die Toten zu ehren weiß. Der Krieg freilich stört selbst die Toten aus ihrer Ruh. Die Granaten, die aus geheimnisvollen Schlünden von jenseit der Berge zischend daherkommen, wühlen selbst die Gräber auf. Sie gelten allein dem kämpfenden Gegner, aber sie fragen nichts nach der wehenden weißen Fahne auf Kirche und Schule, wiederholt schlugen sie dicht neben einem unserer Lazarette in den Boden, und machten die wehrlosen hilflosen Verwundeten weinen. Das gesamte Lazarett mußte nach einem geschützteren Dorf in der Nachbarschaft verlegt werden. Das Schulgebäude war kaum geräumt, da zertrümmerte ein 21 em-Geschoß alle Fensterscheiben. Sicherheit im Felde gibt es heute überhaupt nicht. Der Tod lauert überall. Der feindliche Flieger, der da oben hoch, kaum hörbar, über uns schwebt, kann mit einer Bombe uns zu einer unkenntlichen Masse zerschmettern, mit einen: seiner haarscharfen stählernen Pfeile wie ein Stück Holz durchspalten. Dieses stete dem Tod ins Auge Sehen macht auf die Dauer ruhig. Man lernt einsehn, wie ohnmächtig der Mensch gegenüber dem Schicksal, wie hinfällig das Leben und wie geringfügig das Dasein eines einzelnen ist. Aber man lernt auch begreifen, daß unseren zugezählten Tagen und Stunden nur die treue Erfüllung der Pflicht gegenüber der Gemeinschaft Wert und Dauer verleiht — uralt-biblische Wahrheit. Im / Dienste einer volksgemeinschaf t, wie unsere deutsche, in dieser großen Zeit mit seinen Kräften wirken zu dürfen, das Bewußtsein erhebt über alles Leid. Ich i habe im Laufe eines Vierteljahres Tausende von verwundeten gesehen, die aus allen Gauen unseres Vaterlandes stammten. Sie beweisen im Dulden ein Heldentum, das hinter den: des Schlachtfelds nicht zurücksteht; ihre Liebe zum Vaterland, ihr vertrauen auf bei: Sieg der deutschen