Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Mr. Salrbrrser : Aus urernew Kriegstagebuch III. schwer: er denkt und grübelt, wenn nämlich überhaupt ein Unterschied zwischen Verwundeten und Verwundeten (vom Charakter abgesehn) zu machen ist, ift's der, den unsere alten weisen durch die Gegenüberstellung des Menschen von Bildung und des am haarez bezeichnen. Treffe ich einen Primaner, einen Studenten, einen Lehrer — man erkennt sie anden Händen, der Sprechweise sofort — da geht es zwischen uns wie ein intuitives Verstehn von Aug' zu Auge und wir drücken uns fester die Hand. Freilich kommen wir auch auf die Zukunft zu sprechen — dem jungen Mediziner, dem der rechte Arm abgenommen, dem Lehrer, dessen Glieder zeitlebens gelähmt sind, ist nicht leicht klar zu machen, daß sein Dasein nicht seinen Wert verloren hat und nur eines neuen Inhaltes bedarf. Aber die Jugend, die rasch ümlernt und die schon heute einsetzende großartige soziale Fürsorge mit ihren Arbeitsmöglichkeiten füralle, die der Krieg zu Krüppeln macht, sind kein leerer Trost, und ich weiß, auch die jetzt noch müde den Kopf schütteln, wenn man ihnen von der Zukunft spricht, werden sich immer geduldiger in ihr Schicksal fügen. Geduld ist die Arznei, die mehr als andere dem natürlichen Herlungsprozeß nachhilft. Der Gesunde selber lernt sie erst hier recht schätzen und üben. Schwerverletzte, die man beim ersten Blick verloren gegeben hatte, auch Lungen- und Kopstverletzte, erholen sich allmählich, verlassen ihr Lager und kommen einen: unerwartet eines Tages entgegen, noch mühsam Schritt vor Schritt, aber glückselig lächelnd; es gibt nichts herzerquickenderes als solch einen Genesene,: zu sehn. Und ihre Genesung erleben ja dank der hervorragenden ärztlichen Kunst die allermeisten. Amputationen 'werden so wenig wie möglich vorgenommen, Geschosse nur in den dringendsten oder in den leichtesten Fällen entfernt. Schrapnellkugeln fühlt man bisweilen unter der haut des Getroffenen, und nicht lange, so hält er sie in der Hand. Dje wird er sich aufbewahren und seinen Kindern zeigen, wenn er mit ihnen an Winterabenden in der wärmen Stube, beim traulichen Schein der Lampe um den Tisch sitzt und wieder und wieder erzählen muß von den: großen Kriege. Schlimmer sind die Verheerungen, die Dum-DuMi-G e s cho s s e und die Splitter der satanischen Granaten im Körper anrichten. Da wird die Hoffnung, den Verwundeten zu retten, oft genug getäuscht. Lines Abends trugen sie einen jüngeren Soldaten herein, der von Splitterwunden gänzlich bedeckt war. Ich war verblüfft, ihn lachen zu sehn und lobte seine Tapferkeit. Sein Nachbar meinte: „wart' nur, Kam'rad, morgen wirst Du schon die Schmerzen spüren". „Die verbeißt man chalt", gab der Brave zurück., Am andern Morgen wär mein erster Gang >zu ihm. Lr hatte die Decke über dem .Gesichte. Schläft er? fragte ich den Nachbar leise. „Ja, der schläft für ewig." Lr war in der Nacht gestorben. Da war ein Kriegsfreiwilliger, er hatte einen Lungenschuß ' erhalten und atmete schwer. Lr hatte nur noch wenige Stunden zu leben, wußte sch vom Arzt. Lr ergriff meine Hand, ich mußte mich zu ihm auf's Bett setzen ui:£> <ihm aus der mitgebrachten Zeiti:ng vorlesen. Ich las m't halblauter eintöniger Stimme, daß er einfchlafen sollte. Als ich ihn schlafen glaubte, hielt ich inne. „Sehr interessant", sagte er, ohne ein Wort verstanden zu haben, „weiter lesen!" Und ich las weiter. Lndlich schlief er. Lr ist nicht wieder ' erwacht. Lin stämmiger Bayer hatte Wochen lang gelegen; die Beine waren ihm amputiert worden, aber es schien, als sei er damit gerettet, plötzlich trat eine Verschlimmerung in seinen: Zustand ein, und