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Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 7

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Ar. Kalchrrgrr: Aus meinem Kriegstagebuch HI. 7 rett dieselbe liebevolle sorgfältige Wartung und pflege genießt wie jeder, der seine Pflicht gegen sein Vaterland getan hat, und auch ich deutscher Barbar gehe nicht an ihm vorüber ohne ihm die unentbehrlichen Zigaretten oder Süßigkeiten zu reichen. Was nur geschehen kann, die Verwundeten 'Zu erfreuen oder doch von ihren Sorgen abzulenken, das geschieht. Sie werden mit Vorliebe für die Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz vorgeschlagen, und für den ganzen Saal ist es ein weihevoller Augenblick, wenn der Offizier eintritt und mit Worten warmer Anerkennung diesen selstmsten aller Orden dem Braven überreicht. Einmal hörte ich in der Kirche die Orgel spielen. Wie Friedensengel mild schwebten die Töne durch den Baum, die Ls erzen mit sich hebend, und für eine Weile war alles Schwere wie abgestreift und versunken. Ich war auch Zeuge einer Andacht von . wenigen Minuten. Als der Pfarrer mit den Worten des Psalms begann: „Ich hebe meine Augen zu den Bergen", hörte man noch' hier und da Stöhnen. Aber sehr bald wdr es still... „Dein Hüter schlummert nicht —". Alle Hände wurden gefaltet; es war ein Schweigen ringsumher. „Gott behütet Dich vor allem Bösen. Er behütet Deinen Ausgang und Deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit...." „Amen" sagte aus Herzenstiefe die ganze andächtige Gemeinde. Ein echter religiöser Glaube, der in vielen nur dürftig glomm, wird in den Stunden, Tagen, Wochen des Kampfes auf Leben und Tod, der sich hier noch einmal in der Stille ab spielt, zur hellen . Flamme entfacht. „Gott hat bis hierher geholfen, er wird auch weiter helfen." „Gott verläßt > die Seinen nicht." So habe ich viele selber sagen hören. Viele verlangen nach dem Abendmahl und in der letzten Stunde nach den Sterbesakramenten. Wo alle am gleichen Los tragen,, fallen ganz von selbst die konfessionellen und sozialen Schranken, die vormals ängstlich aufgebaut und gehütet wurden. Grüß Gott, Herr Pfarrer, schallt's mir entgegen. Sie wissen zwar, daß ich Jude bin; aber schließlich hat doch jedes Bekenntnis seinen „Pfarrer"! Nur ein pfiffiger Junge aus Berlin N. begrüßt mich jedesmal, seine Bildung zu beweisen, mit „Herr Rabbiner". Er hat mir gelegentlich mit gleichem Eifer auseinandergesetzt, wie verkehrt das Vorurteil gegen die Juden wäre. Der ganze Saal horchte auf und stimmte ihm lebhaft bei. Zufällig fällt inein Blick auf die Karte eines Insassen; er schreibt seiner Schwester, es käme täglich ein evangelischer, ein katholischer und „sogar" ein jüdischer Feldgeistlicher zu ihnen, um ihnen die Zeit zu vertreiben. Ja, das ist in der Tat nicht wenig wichtig, die Zeit vertreiben, die sich endlos dehnt. Jeder will wissen, wie unsere Sache in Frankreich, in Rußland steht. Ein neuer Sieg! Da glänzen die Augen. Manch einer will (gewiß nicht zum ersten Mal) von dem Gefecht erzählen, in dem er verwundet wurde, wie es den Nebenmann tötlich traf, wie ein Freund durch ein Wunder gerettet wurde und wie er selbst getroffen umsank; aber er wird es den Nothosen schon heimzahlen! Nicht alle hier sind durch feindliche Geschosse verwundet; dieser da hat zu spät die Handgranate geschleudert, der dort hat sich mit dem eigenen Gewehr versehentlich angeschossen, ein Dritter hat von einem Pferde einen Huftritt erhalten. (Wer Kolonnen mit Pferden und Wagen auf engen Straßen begegnet ist, staunt nur, daß verhältnismäßig so wenige unglückliche Zufälle sich ereignen). So will jeder hören, plaudern, lachen, nur nicht denken! Das macht die Behandlung, zumal die seelsorgerische, des Gebildeten

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