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Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 6

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 er o 0 0 Ar. Kalzberger: Ausmrinem Kriegstagebuch HI tausend Verwundete im Dorfe hatten. Alle Ammer waren überfüllt. Ich klettere die halsbrecherischen Stiegen zu einer Bodenkammer hinauf. Da lagen Dutzende zu Tode erschöpft auf Stroh. Das Grauen wdllte mich wieder packen; doch ich kannte ja das Gegenmittel: sich betätigen, helfen. Morte aber halfen hier nicht. Die Armen lechzten nach einem Labetrunk. Rasch Suppe, Tee, Brot herbeigeschäfft. Aus den schier unergründlichen Eimern schöpften wir immer wieder in die gierig geleerten Becher. Das schmeckte! Mb ich keine Zigaretten hätte? Zum Glück hatte ich welche; und ich brachte es nicht übers Herz, ihnen diesen Tröster in der Not zu verweigern, obwohl ich wußte, daß ein überspringender Funke das Stroh in Brand stecken und alle Insassen dieser ärmlichen Kammer in eine viel größere Gefahr bringen konnte als die, dep sie im Felde entronnen waren. Vorsicht, Kameraden! Gute Nacht! . Mit der Zeit trete ich den einzelnen persönlich näher, und damit gewinne ich die;innere Freiheit und Heiterkeit, die dem Kranken sich unwillkürlich mitteilend, erst .recht eigentlich seelsorgerisch wirken, kann, Die meisten leiden nicht nur unter den körperlichen Schmerzen, sondern an der Sehnsucht nach ihren Lieben und deren Liebe: ihnen gilt es, ein Stückchen Sonne, einen brauch heimatlichen Friedens zu geben. Die Jüngeren allerdings, die Unverheirateten, wollen zurück in die Schützengräben. Strafe ist!es ihnen, hier untätig liegen müssen. Gegen meine Gewohnheit lese ich eine mir zur Beförderung übergebene karrte eines jungen Menschen; sie lautet wörtlich: „Liede Martha! Mie Du schreibst, soll ich mich nach der Heimat melden, aber so leicht geht das nicht. Denn Wenn ich gesund bin, Vwm nehm ich wieder mein Gefähr (sie) in i.'Lste Hand. und gehe wieder den Feinden entgegen. Ich denke garnicht nach Hause zu kommen. Du mußt denken, daß wir dem Vaterland geschworen haben zu siegen oder zu sterben. Das sind auch meine Gedanken: siegen oder sterben. Bis auf's Miedersehn Dein Anton." Und am Rande stand: „M e n n wir uns Wiedersehen, dann sind wir glücklich." — Aber das ist doch nicht die Regel. Auf Ehre und Gewissen befragt, werden die meisten bekennen, sie wollten der Krieg wäre zu Ende. Mann kommen wir endlich heim? ist die immer wiederkehrende Frage. Nur das darf man sagen, daß im Kerzen nicht einer dieser Männer, die ihre Treue gegen das Vaterland oft durch das schwerste Mpfer besieggeln, Bitterkeit aufkommt. Sie alle sind davon durchdrungen, daß dieser Kampf notwendig war und wir durchhalten müssen, bis wir gesiegt haben. . Daß wir siegen werden, daran zweifelt keiner. Nicht zum wenigsten diese 'Zuversicht gibt ihnen eine erstaunliche Kraft im Dulden. Sie stöhnen wohl bisweilen, über sie jammern nicht; einige vermögen sich sogar zu d e m im Feld so vielfach bewiesenen deutscksen Humor durchzuringen. Einer, der die anstrengenden Märsche aus dem Anfang des Feldzugs mitgemacht hatte, meint, auf die amputierten Beine Weisend : Erst liefen sie zu viel, jetzt laufen sie zu wenig. Der Franzose dagegen klagt und schreit. Gewiß, er fühlt sich als Gefangener, und es mag ihn: von seinen Offizieren nicht wenig bange gemacht worden sein vor den Deutsche?:, die alle Gefangenen „füsilieren". Allein mir scheint, daß der Mairgel an Beherrschung doch noch anderen Ursachen zuzuschreiben ist; den: lebhafteren Temperament, den schwächeren Nerven, die durch die mangelhafte Verpflegung in den ftanzösischen Schützengräben.und den abscheulichen Genuß von Absinth nicht eben widerstandsfähiger werden. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß der Franzose mit allen feinen erotischen Bundesgenossen im Laza-

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