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Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Ar. Kalzberger: Aus meinem Kriegstagebuch III. Glaubensgenossen, so scheute ich natürlich keinen weg, ihn aufzusuchen, und wandte ihm besondere Fürsorge zu. In der Betätigung vergesse ich gar bald das Entsetzliche, das mich umgibt, und überwinde das Grauen, „wer will nach der Heimat schreiben?" Alle wollen sie. Ich verteile die Karten. wer irgend sich aufrichten und den Bleistift führen kann, den lasse ich selber schreiben — eine fremde Ls and könnte die Angehörigen erschrecken. Für die anderen schreibe ich, lasse mir diktieren oder setze, wo das Sprechen anstrengt, den kurzen Bericht an die aufgegebene Adresse selber auf. wieviel Tränen habe ich da fließen sehn, wenn einer an seinen Vater, seine Mutter, an feine Braut oder an das Weib, daß er erst kurz vor dem Kriege heimgeführt hat, schreibt: „Ich muß Dir leider mitteilen...." Reberläßt er es aber mir, in meinem Namen von seinem Unglücke Nachricht zu geben, bittet er zumeist: Nur nicht so schlinun machen, Hochwürden. Der Bitte bedarf es nicht erst. Ich teile zwar die Tatsache, wann, wo und wie der Betreffende verwundet wurde, wahrheitsgemäß mit — nichts ist in der Ferne beunruhigender als Ungewißheit, aber ich kleide die Tatsache in die mildeste Form und lasse stets der Hoffnung Nauru. Nührend ist das Zartgefühl der Braven, die in ihren Schmerzen sich rroch besorgt erkundigen, ob die Lieben daheim auch ganz gesund seien, oder die nicht vergessen, zum Geburts-, zum Hochzeitstag zu gratulieren. Es gibt auch andere. „Dies ist mein letzter. Gruß an Euch", will mir einer diktieren. Ich lege natürlich energische,: Protest ein. Ein anderer erzählt «mir, er habe, als er verwundet umsank, - einen Kameraden gebeten, seiner Frau seinen Tod zu melden. Ich beeile mich, die Hoffnung der Aermsten wieder zu beleben. was so ein Stück Papier ddch an Leid Und Freud enthaltet: kann!'Auch Tragikomisches iläuft mit unter. Beginnt da einer mit den Worten: „Liebe Frau, ich muß Dir mitteilen, daß ich am . im Gefecht gefallen bin". Aber Kamerad, Sie leben doch, uttterb reche ich ihn. Es hat eins weile gedauert, bis er die Verwechslung begriff. Zum Dank bietet er mir 10 Pfennig an, die er mühsam aus feinem blutgetränkten Nock hervorsucht. Nein, ich bin bestellter Postbeamter! Geld zur Beförderung an die Angehörigen nehme ich gern an. Ist es schon sonst für die Mannschaften unmittelbar hinter der Front beinahe unmöglich, Geld auszugeben, so ist es für die verwundeten ein unnötiger Ballast. Millionen führt die poft seit Monaten aus dem Felde nach' dem Reiche ab, dessen finanzielle Kraft dadurch stets von neuen: gestärkt wird. Aber die kleinen Gaben, die hier nicht zu kaufen sind, bringe ich meinen Pfleglingen: Schokolade, Pfefferminze, Keks, Bonbons,. auch Obst und als begehrteste Artikel: Zeitungen und Zigaretten. Dank der unermüdlichen Güte guter Freunde in der Heimat habe ich ein ganzes Warenlager solcher echten Liebesgaben in meinem Stübchen aufspeichern können. Manchem darf ich nicht zu essen, nicht einmal zu trinken geben, wie dringend er auch nach Wasser verlangt; er hat einen Bauchschuß erhalten. Ich kann ihn nur, oft selbst ohne Glauben an seine Genesung, auf später vertrösten. Man weiß, wie zugänglich der Mensch in dieser Hilflosigkeit jedem noch so schwach begründeten Zuspruch ist und was die seelische Verfassung mitunter für den Verlauf der Heilung bedeutet. Wie der Arzt oft genug zum Seelsorger, so wird dieser hier recht eigentlich zum Arzt. Geht nicht das Materielle und Ideelle überall in einander über? Ich habe es an jenem Abend nachdrücklichst erfahren, als wir nach einem Sturmangriff unserer Truppen nahezu

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