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Liberales Judentum · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. Seite 4

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Journal
Liberales Judentum
Volume
7/8 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Dr. Salzberger: Aus meinem Kriegstagebuch III. o o e o Apparat. Kranke, zumal Seuchenkranke, die einer besonders sorgfältigen pflege durch längere Zeit bedürfen, werden zumeist in Kriegslazaretten untergebracht. Ganz „zivile" Krankheiten trifft inan da: Rheumatismus, Blinddarmentzündung — Bandwurm. Aber die Ausbreitung von Typhus und Ruhr ist leider kriegsmäßig. Niederdrückender als der Besuch verwundeter ist für mich ein Gang durch das Seuchenlazarett. Saal an Saal in den schier endlosen Korridoren einer Kaserne liegen da die ausgemergelten fiebernden Gestalten, und selbst der Anblick der immer freundlichen stillwaltenden katholischen Schwestern in ihren weißen Hauben kann mich nicht hinausheben über die lastende Atmosphäre dieses Massenelends. Der seit etwa vier Monaten herrschende Stellungskrieg hat das Gute, daß die -Zahl der verwundeten fast überall stetig zurückgegangen ist. Ich habe wohl den Truppen- und den Hauptverbandsplatz besucht, aber keinen von beiden in Tätigkeit gesehen. Dagegen bin ich in den Feldlazaretten der Division, der ich bis vor kurzein angehörte, beinahe täglich ein- und ausgegangen. Die Kirche, das Pfarrhaus, die Schule, aber auch Mietshäuser werden in Hospitäler verwandelt. Anfangs waren sie nur mit Strohmatten belegt (auch lange hölzerne Krippen habe ich gesehen); vielfach wurden die Matten später durch eiserne Bettstellen mit Polstern, Kissen und Decken ersetzt. Linen geradezu idealen Krankensaal bieten die an einigen Orten aufgestellten Dekkerschen Asbest-Baracken; über Nacht erstehen diese festgefügten sauberen lichten Wunderhäuser. Tritt man ein, so meint man, hier müsse jeder gesund werden. Mein erster Besuch freilich, den ich der als Feldlazarett eingerichteten ziemlich großen Kirche in S. machte, führte mich mitten hinein in eine Welt nie gesehenes Jammers. Links und rechts vom Mittelgange, wo ehemals die Bänke für die Beter gestanden hatten, lagen, einer am anderen in drei-, in vierfachen Reihen, die unglücklichen Opfer des blutigen Völkerringens, um die Kanzeltrepxe, um den Altar herum, von dem noch vor Wochen aus Priestermund das Wort von der Menschenliebe und -Verbrüderung erklungen sein mochte, wanden sich krampfhaft Menschenbrüder in den wunden, die der Haß dies Feindes ihnen geschlagen. Lin widriger Geruch von Blut und Schweiß und Karbol schlägt mir betäubend entgegen. Ich presse die Zähne zusammen und gehe durch die Reihen. Lin Mann mit weitaufgerissenen Augen und geisterhaftem Blick hebt die hagere Hand und flüstert: Schnell, schnell! Ich will ihn beruhigen, das Wort erstirbt mir in der Kehle. Ls ist mir plötzlich, als ständen sie alle auf von ihrem Schmerzenslager und drängten hinaus; und draußen schlössen sich ihnen andere an und wieder andere — ein unabsehbarer Zug keuchender humpelnder Krüppel ergösse sich über Straßen, Plätze, Dörfer, Länder — was wollen sie nur? Sie recken die Arme, die Stüinpfe in die Höhe und fordern die Urheber des Menschenmordes vor ihr Tribunal: Seht, das ist Luer Werk! Ich glaube sie zu sehen, zu hören — und fliehe entsetzt die Stätte .des Grauens. Aber am nächsten Morgen komme ich wieder mit Feldpostkarten in der Tasche. Lrst dachte ich feststellen zu lassen, ob unter den Verwundeten Juden seien. Aber die stereotype Frage nach dem Bekenntnis schien mir so quälend für die Armen'und so wenig passend zu dem Werke der Menschenliebe, mit der ich hier beginnen wollte, daß ich kurz entschlossen bei jedem stehen blieb. Das religiöse Amt versahen ja die beiden christlichen Kollegen; mir blieb das rein menschliche. Hörte ich einmal von einem verwundeten oder kranken

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