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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 232 (sequence 12)
Language
German
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232 Pr. Morden: Zum fünfzigjährigen Bestehen des deutschen Roten Kreuzes o o von haarsträubenden Dingen weiß uns unj sere heutige Sidra zu erzählen, von Unkeuschheit, von Blutschande und von Ausschweifungen der widerwärtigsten Art. Schonungslos deckt Mose alle diese Schändlichkeiten auf und läßt seine Schilderung in der eindringlichen Warnung ausklingen: „Wandelt nicht — spricht Gott — nach den Sitten des Volkes, das ich vor euch austreibe; denn alles dieses haben sie verübt, sodaß es mich vor ihnen ekelte." -) Welo sselchu bechukkos haggoi „Wandelt nicht nach den Sitten des Volkes." Dieses Bibelwort erfuhr in späterer Zeit ein eigentümliches Schicksal. Man übersah den Zusammenhang, in welchem es ausgesprochen war und forderte ganz allgemein: „Wandelt nicht nach den Sitten der Völker." Ulan verpönte die Sitten, die Bräuche, die Einrichtungen anderer Völker und anderer Religionsgemeinschaften, mochten sie noch so ersprießlich sein und noch so segensreich. Sobald eine Sitte aus anderer Quelle stammte, prägte man ihr den Stempel auf: Chukkos haggoi, nannte sie: „eine Sitte anderer Völker", und dieser Stempel genügte, um sie für die Juden unannehmbar zu machen. Während doch Ulose ausdrücklich vor solchen Sitten gewarnt hatte, die Abscheu und Widerwillen erregen, verschloß man sich später allen Sitten und Einrichtungen, auch den vorbildlichsten und nachahmenswertesten, sobald sie auf fremden: Boden gewachsen waren. Darin lag nun freilich ein großes Mißverständnis der biblischen Mahnung. Allein die neue Zeit, die so manchen Irrtum beseitigt hat und über so manches Unhaltbare zur Tagesordnung übergegangen ist, sie hat auch in das Vorurteil gegen Chukkos haggoi, gegen „die Sitten der Andern", eine Bresche geschlagen. In dem frohen Gefühle, daß wir Juden den Andern viel Gutes und Wertvolles geschenkt Haben, tragen wir kein Bedenken mehr, von ihnen auch Gutes und Wertvolles zu übernehmen. Nur e i n Beispiel für viele: Wer noch vor etwa einem Viertelsahrhundert den Gedanken aussprach, jüdische Krankenschwestern auszubilden, der wurde mit der kurzen Bemerkung abgewiesen, das sei Chukkos haggoi, eine Nachahmung fremder Sitten und Einrichtungen, Heute gibt es keinen unter uns, der sich nicht darüber freute, daß wir das törichte Vorurteil besiegt und mit dankbaren Gefühlen das Gute von dort genommen haben, wo wir es fanden. Wie wäre es denn auch ohne Schaden für unsere Gemeinschaft möglich, alles Gute, Wertvolle und Segenbringende abzulehnen, sobald es nicht aus unserer eigenen Mitte hervorgegangen ist? Das wäre doch nur dann zu billigen, wenn wir nichts mehr zu lernen hätten, wenn bei uns alles untadlig wäre und vollkommen. Wer aber wollte wagen, eine so kühne Behauptung aufzustellen und allen Ernstes zu vertreten? lUnser religiöses Schrifttum in allen Ehren; aber hat es denn gar keine Lücken aufzuweisen, so daß wir bei allem, was von außen an uns herantritt, stolz sagen könnten: „Das wissen und besitzen wir schon lange"? Auch da genügt ein einziges Beispiel, mm uns? die Augen zu öffnen und den richtigen Weg zu zeigen. Mose hat sehreingehendeBestimmungenfür den Fall eines Krieges getroffen: Eine zu belagernde Stadt soll zunächst aufgefordert werden, sich ohne Kampf zu ergeben, damit unnötiges Blutvergießen verhindert wird?) Beim Fällen von Bäumen zur Errichtung von Belagerungsbollwerken find die fruchttragenden Bäume zu verscho- 2) 3. Buch Mose, Kap. 20, V. 23. 3) 5. Buch Mose, Kap. 20, V. 20 s.

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