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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 231 (sequence 11)
Language
German
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Nr. Norden: Zürn fünfzigjährigen Bestehen des drntfchrn Noten Kreuzes 231 Regel treffen wir alle in 5. zusammen, das etwa im Mittelpunkte liegt. Aber ich bin auch wiederholt nach entfernten Dörfern gefahren. Deutlich steht mir noch die Fahrt durch einen nebeldüsteren Oktobermorgen und die winzige Gemeinde vor Augen, die sich am Berghang versammelt hatte und mit mir betete, während der Tau die Blätter unseres Büchleins feuchtete. 217ein Verkehr mit den jüdischen Kameraden beschränkt sich natürlich nicht auf die Stunde der Andacht. 27Tit mehreren, die am gleichen Orte Quartier haben, treffe ich täglich zum plaudern zusammen, andere suchen mich in meinem Stübchen auf, das meine französische Wirtin mit dem gleichen bescheidenen Mobiliar ausgestattet, wie einst die Sunamitin das Obergemach für den Propheten Elisa, mit Bett, Tisch, Stuhl und Leuchter — den für diese Jahreszeit unentbehrlichen Ofen hat ein findiger Bursche für mich requiriert. Da sitzen wir dann gemütlich beisammen, und ich lasse mir von dem entbehrungsreichen Leben in den Schützengräben oder von einem erbitterten Waldgefecht erzählen; oder wir entwerfen gemeinschaftlich Feldzugspläne oder spinnen uns in Träume ein von Heimat und Frieden! Rasch sind Strapazen, 2lppelle, der ganze oft drückende Rommißzwang vergessen über der Freude, wieder einmal Mensch unter Menschen sein zu dürfen. In diesem Eingehen auf das Reinmenschliche liegt das beste Teil der Seelsorge. Rommt gar ein Rriegsfreiwilliger herein, geht unsereinem vollends' das Herz auf. Dies Entzücken beim lang entbehrten Anblick eines Bettes, eines Ofens, diese rührende Dankbarkeit für ein paar Zigarren, em Glas Rognak. Die Seelsorge wird hier zur Leibessorge. Mit solchem Appetit haben diese daheim oft sehr verwöhnten jungen jin Friedenszeiten sicher nie gegessen und getrunken. Gerade für unsere Söhne ist der Rrieg eine heilsame Schule, weil er lehrt, wieviel man, wenn es sein muß, ertragen und entbehren kann. Ungern lasse ich meine Rriegsfreiwilligen von mir gehen. Wir sagen uns „auf Wiedersehen", und ich bange heimlich, der eine oder andere käme nicht wieder. Sie aber schreiten dahin, festen Schrittes, mit den reinen klugen fröhlich um sich blickend. Wie haben sie nur so schnell die Ghetto- Rnechtsgestalt abgelegt und haben sich zu Makkabäersöhnen verjüngt! Ich sehe mit der Spannung wie in Rindertagen dem Thanukkahfest entgegen. Den Frieden wird es nicht bringen, aber eine täglich Heller strahlende Siegesverheißung. Zum fünfzigjährigen Beffehen des deutschen Koten Kreuzes. Rede, gehalten am Sabbat, 9. JTlai 1914, in der Synagoge zu Clberfeld non Rabbiner Dr. Horden.1) ls Mose die'Rinder Israel aus der Rnechtschaft führte und ihnen den Besitz des Landes Ranaan versprach, da verfehlte er nicht, ihnen die Mahnung einzuschärfen: „Das Land zwar sollt ihr besitzen, aber die Unsitten seiner augenblicklichen Bewohner sollt ihr nicht mit übernehmen." Raum an irgend einer anderen Stelle der Bibel finden wir diese Mahnung so scharf betont, wie in dem zwanzigsten Rapitel des dritten Buches Mose, das wir heute gelesen haben. i) Als ich vor einem halben Jahre obige Rede hielt, ahnte ich nicht, wie bald das „Rote Kreuz" in die Lage kommen würde, seine segensreiche Tätigkeit während eines Krieges zu entsalten. Heute, wo das Unglück des Krieges so Plötzlich über die Völker gekommen ist, dürften meine damals gesprochenen Worte die Leser dieser Zeitung interessieren. 2s.

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