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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 230 (sequence 10)
Language
German
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230 Ar. SaLzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch II. ^nach immer größerem Besitz geistig und moralisch entartet — wir Deutsche — und wir Zuden. Man rühmt zwar unseren Fleiß, unsere Rührigkeit und Gründlichkeit, aber incm kann es uns nicht verzeihen, daß wir's zu etwas gebracht haben — uns Deutschen und uns Juden. Man schilt uns Barbaren und verlacht uns als weltfremde unverbesserliche Träumer — uns Deutsche und uns Juden. — vielleicht lernt unsere Zeit aus dieser teils .böswilligen und lügenhaften^ teils albernen und kurzsichtigen Entstellung der Wahrheit durch Deutschlands Feinde, auch uns Zuden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Herzerfreuend ist es, wie unsere alte heilige Schrift in ihrer ungebrochenen Kraft und Größe gerade in diesen Tagen wieder zu Ehren kommt. Auf jeder Seite unserer Thora bieten sich dem Leser die mannigfachsten Beziehungen zur lebendigen Gegenwart von selber dar. Soviel schlichter und friedlicher auch das Hirtenleben unserer Patriarchen uns anmutet, es waren ganze Männer, die in heißem Ringen mit sich und ihrem Gotte zu wahrem Heldentum emporwuchsen. Und gar Moses und die Propheten alle, die das Schifflein ihres Volkes mit fester Hand durch die brausenden wogen der Weltgeschichte sicher hindurchsteuerten, des Sturmes frohlochend, weil sie in ihm die Stimme des gerechten Weltenrichters vernahmen! Es ist für einen Feldprediger in der Tat eine überaus dankbare Aufgabe, den religiösen Gehalt der Schrift in seiner ewigen Wahrheit seinen Zuhörern nahezubringen. Schriftverlesung und Schrifterklärung stehen im Mittelpunkt unserer Feldgottesdienste. Zu beiden führen hin die wesentlichsten Stücke der Morgenandacht, wie unser Feldgebetbuch sie geschickt zusammenstellt. Sie künden von dem Herrn des Weltalls, der die Menschenseele rein geschaffen; sie mahnen uns, diese Seele durch Wahrhaftigkeit rein zu erhalten und sie zu durchdringen mit der aufopferndsten Liebe zu Gott; sie flehen um des Lebens währe Güter, deren letztes und höchstes der Friede ist. Run folgt die Aushebung der Thorarolle und die Verlesung eines Teils des laufenden Wochenabschnittes, 511 der drei bis fünf Kameraden aufgerufen werden. An das verlesene anknüpfend, halte ich sodann eine kurze Ansprache, die in eine Mahnung zur Treue gegen den König und gegen den König aller Könige. mündet und mit einem Gebet um den Sieg unferer guten deutschen Sache ausklingt. Rach der Wiedereinhebung, der -Thorarolle verlese ich den VJ;5. pfatm, spreche das Kaddisch für die Trauernden und schließe mit dem olenu, dem herrlichen Bekenntnis zum Glauben an ein künftiges Gottesreich auf Erden. Gelegentlich füge ich noch einen psalm in deutschem Texte hinzu, wie ich auch einige der hebräischen Gebete für die vielen, die der heiligen Sprache unkundig sind, in die Muttersprache übertrage. Die ganze Andacht dauert nicht über eine Stunde. Da am Sabbat die wenigsten vom Dienste befreit werden können, sah ich mich gezwungen, den Gottesdienst auf Sonntag zu verlegen, lasse über einen zweiten im Laufe der Woche jedesmal für diejenigen folgen, die an dem betreffenden Sonntag in Feuerstellung lagen. Anfangs war die Zähl der Teilnehmer gering, weil der Divisionsbefehl nicht zeitig und nicht weit genug herumkam, neuerdings zähle ich 3O, %0, auch 50 Beter. Sie kommen aus dem Orte selbst oder aus umliegenden Ortschaften zu Fuß oder zu Pferde, oft eine Stunde weit her. Es sind Aerzte und Mannschaften, vom Gemeinen bis zum Offiziersstellvertreter aller Waffengattungen, Akademiker (Juristen), Kaufleute und Handwerker, orthodoxe, liberale und „freireligiöse", Zionisten und „Assimilanten" aus allen Gegenden unseres Vaterlandes, zumeist aus dem pösenschen. Zn der

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