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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 229

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 229 (sequence 9)
Language
German
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0 o o o Ar. Salzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch II. 22S die drei Bekenntnisse im Tod vereint und den wir als Sinnbild und als Mahnung für das Leben nehmen sollten: wir bekennen alle einen Vater und ehn Vaterland. Alle Säupter entblößten sich, als der Pfarrer nun das Vaterunser sprach. Die Bahren senkten sich zur Gruft, und wir Geistlichen,, die Offiziere und die Mannschaften, einer nach dem anderen traten heran, um die drei Randvoll Erde den Tapferen nachzuwerfen. Es war eine tiefergreifende Totenfeier im Dämmer des .Abends, die ich nicht vergessen ^verde. Schweigend fuhren wir zwei zurück, vorbei an zahllosen Gruben, die feindliche Granaten in den oft beschossenen Söhenweg eingewühlt hatten. Silberhell stand die Sichel des neuen Mondes am Simmel und die ewigen Sterne flimmerten in ,der reinen Luft. wenn die erzählen könnten! was Haben sie nicht im Laufe der Jahrtausende an Jammer und Elend, aber auch an Glück und Schönheit, an wahnwitziger Verblendung und an aufopferndster Begeisterung hier unten gesehen! Es ist ein schönes Vorrecht des geistlichen Berufes, sich stets vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Kleinsten zum höchsten aufzuschwingen. Man sollte meinen, daß jeder Denkende das tut, tzumal im Kriege, wo Völker so gewaltig und um so Gewaltiges ringen. Aber auch das Gewaltige wird allmählich zu etwas Gewohntem, und in dem täglich gleichen Dienste verliert selbst der Krieg seine gebieterische Größe wie seine Schrecken. Darum sind Stunden innerer, innerlichster, d. h. religiöser Sammlung im Felde von besonderem Werte. Den einen gemahnen sie freundlich an Seimat undt Elternhaus, den anderen spornen sie zu neuer Tatkraft an, .hier trösten sie über das tausendfache Leid der Gegenwart, dort entfachen sie die Hoffnung auf einen ruhmvollen Frieden, alle aber erheben sie über das Alltägliche zum letzten Sinn des Lebens und des" Todes, zu dem Ewigen, der das- Schicksal der Völker wägt mit der wage der Gerechtigkeit, und dessen Sand wir darum getrost unser eigenes Schicksal anvertrauen dürfen, unfern Leib wie unsere Seele. Sn solchen Gedanken, die hier nicht nur gedacht, sondern von dem gar sehr empfänglichen Serzen erlebt werden, schließen sich Religion und Vaterland, schließen wir selbst uns mit den Vätern der Vorzeit, mit unfern Lieben daheim zu einem Bund des Glaubens und der Treue fester und fester zusammen. Gute Deutsche und gute Süden; war dies schon immer unsere Parole, so ist es im Felde zum Schlachtruf geworden. Setzt empfinden -wir stärker als je, wie unlöslich beides in uns verknüpft ist. Ohne Thauvinist zu sein, darf man wohl sagen, daß Sudentum und Deutschtum sich suchen und sinden mußten, weil sie wesensverwandt sind, was man dem Süden auch nachsagen mag von französischer Beweglichkeit des Geistes, von englischem Geschäftssinn, entscheidend ist, daß das jüdische Serz mit dem deutschen Gemüt zusammenstimmt. Denn in sittlichem Fühlen und Denken und der daraus ersprießenden unentwegten Treue und Dpferwilligkeit gegen ein Sdeal offenbart sich erst jene echte Kultur eines Volkes, die einer ganzen Welt von Feinden, die den Wogen der eigenen nationalen Leidenschaft standzuhalten vermag. Es ist höchst lehrreich, daß Sudentum und- Deutschtum wie im Wesen, so auch vielfach in der Aufnahme übereinstimmen, die sie von ihrer Umwelt erfahren. Der Krieg bringt an den Tag, daß der Deutsche wie der Sude bei anderen unbeliebt wo nicht verhaßt ist, weil man ihn verkennt. Man kann zwar nicht umhin, einzuräumen, daß die Deutschen das Volk der Dichter und Denker sind — »gewesen sind, wie die Süden das Volk der Propheten und pfalmisten. Aber zwischen dem Einst und dem Seute gähne eine Klüfte wir seien reich geworden und im Streben

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