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Liberales Judentum · 1914-12-01 · Heft 12 (Dezember 1914) · p. Seite 228

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 12 (Dezember 1914)
Date
1914-12-01
Page
Seite 228 (sequence 8)
Language
German
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228 Ar. Salrbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch II. Im Kriege herrscht, wie von vornherein anzunehmen war, der Geist unterschiedsloser Kameradschaftlichkeit. Jeder ist auf den anderen angewiesen und muß schlecht und recht mit ihm auskommen. Dies enge Zuschnmenleben hat ein sehr genaues Sichkennenlernen zur Folge: ein jeder gibt sich wie er ist. wir Juden können uns dessen nur freuen: wird man uns kennen lernen, so wird , man uns auch verstehen und achten lernen. Die alte Beobachtung, daß der Judenhaß, soweit er nicht Familientradition ist, aus einer persönlichen Erfahrung herausgewachsen ist und nur durch persönliche Erfahrungen wieder entwurzelt werden kann, erhält hier alle Tage ihre Bestätigung. Ich bin bisher lübev \20 jüdischen Kameraden begegnet; ein Zehntel war schon nach den ersten Gefechten befördert, ein weiteres Zehntel mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Ich fand, wo strengste Redlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Intelligenz erforderlich sind, da werden Juden mit Vorliebe verwendet. Ich weiß aus dem Rlunde von Gftizieren, daß viele jüdische Soldaten sich freiwillig zu gefährlichen Patrouillengängen melden und dabei einen Rkut und eine Todesverachtung an den Tag legen, die das Märchen von der jüdischen Feigheit gründlich zuschanden macht. Das Erfreulichste aber ist, daß nicht ein einziger aus seinem religiösen Bekenntnis ein Hehl macht. Im Gegenteil: jeder weist nicht nur etwa vorkommende antisemitische Entgleisungen mit Entschiedenheit zurück, sondern zeigt sich auch von dem stolzen Ehrgeiz beseelt, zu beweisen, wie ernst es uns Juden mit der Liebe zum deutschen Vaterland ist, ob dieses Vaterland auch unsere Liebe nicht immer lohnte — Gott sei Dank, wir jdürfen die Vergangenheit setzen. Daß wir es dürfen, daß der militärischen Beförderung nicht mehr jene unübersteigbare konfessionelle Schranke entgegengestellt wird — und ich muß. bekennen, daß ich selber vom Anblick so vieler gebildeter und soldatisch hervorragender Glaubensbrüder, die dennoch es nur zum Unteroffizier oder höchstens Vizewachtmeister hatten bringen können, schmerzlich berührt war — das wird unseren Kriegern jene stille Resignation nehmen, die chinter all ihrem Streben stand, und wird ihrer Pflichterfüllung den Schwung einer ungetrübten Freude leihen. was auch die Zukunft bringen mag, das Geschlecht, das diesen Krieg erlebt hat, kann in die alten Vorurteile gegen die Juden nicht zurückfallen. Und wenn die Lebenden die Einmütigkeit aller in der Treue gegen das Vaterland vergessen sollten, so werden die Toden reden. Liner von den rnerkwürdigen Zufällen, wie sie im Kriege nicht selten sind, wollte, daß ein Protestant, ein Katholik und ein Jude bei dem gleichen Geschütz zusammen fielen. Der evangelische Pfarrer wurde vom Divisionär mit der Grabrede betraut; ich wollte es mir nicht nehmen lassen, meinem Glaubensbruder die letzte Ehre zu erweisen. Ich ließ mein Wägelchen anschirren, ein luftig-leichtes Fahrzeug, das in Ermangelung des mir zugedachten gediegenen deutschen Landauers aus dem Besitz des „mairo" des Dorfes S. beigetrieben worden war, und mein polnischer Bursche, von Haus aus Schneidermeister, fuhr den Kollegen und mich über die bewaldeten Höhen nach D. hinunter. Der Abend begann schon zu dämmern, als wir an dem Soldatenfriedhof hinter dem Dorfe anlangten. Der Brigadegeneral v. w. empfing uns im Kreise seines Stabes, und um die beiden ausgeschaufelten Gräber standen in weitem Bogen dichtgedrängt die Kameraden der Gefallenen. Feierliche Stille herrschte, als der Pfarrer, mit einem Psalm beginnend, von dem Heldenschicksal sprach, das sich hier wieder einmal erfüllt hatte. Sodann richtete ich einige Worte an die Versammelten, indem ich auf den Zufall deutete, der hier

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